Gesucht: Frauenbild der 50er. Gefunden: bei der CDU

Wenn die CDU vor Ort Wahlkampf macht: Wahlkämpfe treiben bekanntlich ja recht interessante Blüten. Wer genauer hinsieht, erkennt dahinter allerdings ziemlich schnell das wahre Gesicht bestimmter Parteien. So knapp vor der Europawahl kommt hier ein Schmankerl aus unserer Kommunalpolitik.

„Die Deutsche Rentenkasse sucht“ Frauen, die sich gern verarschen lassen

Anlässlich des Muttertages war der hiesige Bundestagsabgeordnete der CDU, Maik Beermann, in der Fußgängerzone unterwegs. Verteilt hat er, neben Rosen, folgenden Flyer:

Screenshot von Facebook, 24.05.2019, 20:56 Uhr

Ja, man möge mir jetzt Humorlosigkeit unterstellen. Mir ist durchaus klar, dass das Anliegen war, den überragenden Job von Müttern hervorzuheben. Aber bitte, so? Schauen wir uns doch mal an, wie man diesen Flyer durchaus noch verstehen kann.

Lebenslange Festanstellung – Aufopfern für’s Allgemeinwohl?

Schon zu Beginn wickelt der Einstieg potentielle Leserinnen um den Finger.

„Die Deutsche Rentenkasse sucht zu sofort / ab Anfang 2020 Personalentwicklerinnen (w) in lebenslanger Festanstellung.“

CDU, Flyer

Alles klar. Wir fordern also dazu auf, sich lebenslang für das Allgemeinwohl aufzuopfern, indem man Kinder bekommt, die später fleißig in die Rentenkasse einzahlen. Dass Kinder unsere Rente sichern, wird schon viel länger beschworen als ich denken kann. Nun wird also vom weiblichen Geschlecht verlangt, eben diese in die Welt zu setzen. Wir reden hier von der Aufopferung der einzelnen für das Wohl aller. Aber wenn Kevin Kühnert von Vergesellschaftung großer Konzerne spricht, kriegen alle Schnappatmung.

Sehen wir von dieser Doppelmoral mal ab: Die CDU stellt hier einmal mehr unter Beweis, wie heteronormativ ihre Argumentation ist. Denn angesprochen werden ausdrücklich Frauen („Personalentwicklerinnen (w)“). Ist Familiengründung denn reine Frauensache? Hat die CDU vielleicht noch nicht mitbekommen, dass auch homosexuelle Paare aller Geschlechter bzw. Trans- und Interpersonen großartige Eltern sind?
Zusätzlich scheint völlig ausgeschlossen zu sein, dass der Appell, Kinder zu bekommen, um den Generationenvertrag am Leben zu erhalten, sich auch an Männer richten könnte. Während wir alle feiern, dass in immer mehr Familien auch die Väter Erziehungsverantwortung übernehmen, ruft die CDU die Frauen aktiv zurück an den Herd.

24/ an 365 Tagen im Jahr – kommt, verheizt die Mütter!

Weiterhin heißt es in der fiktiven Stellenausschreibung:

24/7 Bereitschaftsdienst, 365 Tage im Jahr. Verzicht auf Pausen, Nachtschicht als Bonus.

CDU, Flyer

Tja, Ladies, was soll ich sagen? Offensichtlich ist Care Arbeit immer noch Muttis Aufgabe. Wir fragen gar nicht erst danach, ob vorhandene Partner*Innen vielleicht 50 Prozent der Verantwortung übernehmen könnten. Gleichberechtigte Erziehung? Geschenkt! Ebenso stellen wir gar nicht in Frage, ob es Alleinerziehenden nicht an entlastenden Netzwerken fehlt. Stattdessen wird das antiquierte, ausbeutende Familienbild längst vergangener Zeiten als hingebungsvolle Aufopferung, als erstrebenswertes Gut glorifiziert. Man könnte schon fast meinen, dass Bundestagsabgeordnete der CDU keinen Gedanken mehr an Kinderbetreuung verschwenden, wenn sie in ihrem Wahlkreis aus der Tür gehen.

Denn, Stichwort Krisenmanagement: Auf dem Flyer wird „Improvisations- und Krisenmanagement“ verlangt. Wie steht die CDU denn dabei dar? Akuter Hebammenmangel im ganzen Bundesgebiet hat die Geburtshilfe in die akute Krise geführt und der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn lässt auf effektive Lösungsansätze warten. Ebenso in Sachen Kita-Plätze ist die Not an vielen Orten groß. Brisant: Als das Bundesfamilienministerium in CDU Hand lag und von Kristina Schröder geführt wurde, wurde 2013 der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige eingeführt. Offensichtlich war Frau Schröder zu jener Zeit aber schon klar, dass der Bedarf gar nicht gedeckt werden kann.
Nun, sechs Jahre später erwartet dieselbe Partei eben, dass Mütter diese Krise für sie lösen. Nun ist es die SPD, die mit Dingen wie dem Gute-KiTa-Gesetz effektive Verbesserungen auf den Weg bringt. Derselbe Abgeordnete, der oben stehenden Flyer verteilt, betont gleichzeitig, dass er gegen dieses Gesetz gestimmt habe. Offensichtlich glaubt auch er, Mütter könnten diese Krise besser lösen.

Vergesst Altersarmut, wenn ihr emotionale Erfüllung habt!

Kommen wir zu meinem Lieblingsabsatz dieses Flyers:

„Sie erhalten zwar auch kein Gehalt und arbeiten an Feiertagen, doch Ihre Leistung lässt sich nicht in Geld aufwiegen. Ihr Lohn ist die emotionale Erfüllung und der außergewöhnlich große Einfluss auf den Erfolg der Nachwuchskräfte, für die Sie täglich die Verantwortung übernehmen.“

CDU, Flyer

Oh Lord. Da habt ihr es, Ladies: Die CDU WILL euch gar nicht monetär besserstellen. Es ist für die Partei völlig in Ordnung, wenn ihr im Alter abhängig vom Partner oder finanziell völlig abgebrannt seid. Flaschen sammeln, um die Miete zu bezahlen? Für den Wocheneinkauf zur Tafel und nach einem Leben voller Arbeit Grundsicherung beantragen müssen? Hey, immerhin seid ihr emotional erfüllt von durchwachten Nächten, endlos strapazierten Nerven, Tränen der Verzweiflung und der ständigen Unsicherheit, wie ihr der täglichen Doppelbelastung noch standhalten sollt.

Sagen wir es, wie es ist: Das ist doch Bullshit. Natürlich ist es eine großartige Sache, Kinder groß zu ziehen. Aber Care Arbeit ist auch ARBEIT! Die gilt es zu entlohnen, egal wie sehr der neoliberale Bullshitchor euch schon verkauft hat, dass emotionale Erfüllung den Gehaltscheck schlägt.

Es ist die Erwartungshaltung, die gar nicht originaler aus den 1950er stammen könnte: Seid dankbar dafür, die Arbeitskraft von morgen groß zu ziehen! Dabei könnte man eben diese Care Arbeit durch so viele Maßnahmen direkt entlohnen:
Schließt die Gender Pay Gap!
Schließt die
Rentenlücke!
Schreibt die Frauenquote verbindlich fest – nicht nur in Vorständen!
Weitet das Recht auf Rückkehr aus Teilzeit aus!
Schafft Lebensarbeitszeit- und Lohnmodelle, die die Existenz von Familien sicherstellen!

Statt nach diesen Dingen zu schreien, sagt der von der CDU verteilte Flyer genau eines: Wir brauchen eure Arbeitskraft, aber wert ist sie uns nichts.

Frauen, gönnt euch eine Pause!

Die CDU entlarvt sich damit nur selbst. Sie sucht nach dem heimeligen Familienbild der 1950er Jahre, in dem alte, weiße Männer Stammtischparolen schmettern konnten, weil zu wenig kluge Frauen die Gelegenheit hatten, den Stumpfsinn ihrer Aussagen zu offenbaren. Viel mehr werden Frauen zurück in die alleinige Verantwortung für Kind und Kegel gedrängt, indem man die Erwartungshaltung kultiviert, dass Mütter immer und zu jeder Zeit ganz selbstverständlich allein verantwortlich seien.

Diese „Stellenausschreibung ist weder witzig noch wertschätzend. In ihrer Traurigkeit stellt sie die Demütigung dar, der sich Mütter auch 2019 durch eine Regierungspartei unterziehen müssen. Statt sie gleichberechtigt partizipieren zu lassen und sie für ihre Leistungen fair zu entlohnen, wird ihnen gedankt, indem man mit diesem antiquierten Frauen- und Familienbild Wahlkampf macht.

Frauen, gönnt euch eine Pause – wählt nicht die CDU!

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