Hebamme? Kriegst du nicht!

Es steht um die Geburtshilfe viel schlimmer als ich dachte. Egal wie dunkel die gemalten Szenarien waren – es kam noch viel übler. Die Situation der Geburtshilfe ist in der Krise und damit Hebammen, Eltern und Kinder. Am 27. April 2017 habe ich meinen Brandbrief zur Situation der Geburtshilfe in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht. Zwei Jahre später habe ich rekapituliert – und könnte verzweifeln.

2 Jahre nach dem Brandbrief – wo steht die Geburtshilfe?

Idealistisch wie ich war, dachte ich 2017, wir könnten wirklich etwas verändern. Einzelpersonen, der Hebammenverband, Mother Hood e.V. – wir alle haben gemahnt, aufgeklärt, protestiert, um die Geburtshilfe in Deutschland zu retten. Allerdings muss ich feststellen: Das dunkle Szenario, das ich in meinem Brandbrief damals gemalt habe, ist für viele andere Frauen wahr geworden:

Realistisch betrachtet muss ich davon ausgehen, dass ich mit mindestens noch drei bis vier weiteren Frauen im Kreißsaal liegen werde. An 10 von 12 Stunden werde ich allein sein, sollte mein Mann keine Betreuung für unseren Sohn finden. Niemand wird mir beistehen, niemand wird mir sagen, wie ich mit den Wehen umgehen kann, niemand wird mich beraten, welche Position ich einnehmen soll, um den Geburtsvorgang zu unterstützen. Niemand wird da sein, der meine Gesundheit und die des Babys permanent im Auge hat und Komplikationen direkt erkennen und beheben kann.

Celsy Dehnert, 27. April 2017

Damals dachte ich noch, dass ich mein zweites Kind später und vielleicht spontan gebären würde. Heute bin ich aus mehreren Gründen dankbar, dass sie früher und per Kaiserschnitt kam. Was ich befürchtete, wurde für manche Frauen wahr: Sie bekommen ihre Kinder allein, ohne assistierende Hebamme, ohne medizinische Versorgung. Berichte dessen findet man unter anderem bei @lieberjensspahn auf Instagram. Eine Alleingeburt in einem deutschen Kreißsaal – wie schlimm soll es noch werden?

Fünf Kreißsaalschließungen in Niedersachsen 2019

Alleingeburten könnten zukünftig häufiger vorkommen, immerhin müssen Frauen selbst nach einer nahe gelegenen Entbindungsstation immer länger suchen. Allein in Niedersachsen haben seit dem 1.1.2019 fünf verschiedene Entbindungsstationen oder Geburtshäuser geschlossen. Die Landkreise Diepholz und Wesermarsch haben überhaupt keine Entbindungsstationen mehr. Das St. Joseph Stift in Bremen musste die Entbindungsstation kürzlich aufgrund von Überlastung temporär schließen.

Hebammen in Kreißsälen sind gnadenlos überlastet. 2017 habe ich es befürchtet, heute berichtet der Deutsche Hebammenverband, dass eine Hebamme teilweise fünf oder mehr Frauen unter der Geburt betreuen muss. Deshalb fordert der Hebammenverband ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz, das bessere Personalschlüssel, transparente Betreuungsschlüssel und bessere Arbeitsbedingungen fordert.

Quelle: www.unsere-hebammen.de Stand 7.5.2019

Die Unterversorgung in der Geburtshilfe ist dramatischer als ich es mir vor zwei Jahren vorstellen konnte. In Niedersachsen wurden auf unsere-hebammen.de im Mai 2019 1.549 Fälle von Unterversorgungen gemeldet – allein 1.001 Fälle, in denen keine Wochenbettbetreuung gefunden wurde (Stand 7.5.2019).
Eine fehlende Betreuung im Wochenbett kann fatale Folgen haben: unerkannte Postpartale Depressionen, übersehene Infektionen, ein verschleppter Wochenflussstau, Stillprobleme, Brustentzündungen, mangelversorgte Kinder, überforderte Eltern. Die Beratung durch eine Hebamme ist für viele Familien unerlässlich – und aktuell unerreichbar. Es macht mich einfach so unfassbar wütend. Es ist kein Wunder, wenn Frauen sich angesichts dieser Aussichten gegen eigene Kinder entscheiden.

Sprecht mit euren Abgeordneten*!

Seien wir ehrlich: Von Jens Spahn brauchen wir in Sachen Geburtshilfe nicht viel erwarten. Alles, was ihm dazu einfällt, ist doch endlich einmal die von der EU vorgegebene Richtlinie zur Akademisierung des Hebammenberufes umzusetzen. Ein wichtiger Schritt, um das Machtgefälle zwischen Ärzt*Innen und Hebammen endlich aufzuheben – aber aktuell leider nicht mehr als eine kosmetische Korrektur.

Celsy Dehnert spricht mit Marja-Liisa Völlers und Anja Altmann über die Geburtshilfe
Anja Altmann, Celsy Dehnert und Marja-Liisa Völlers (Bild: SPD Nienburg)

Für mich ist der Kampf aber immer noch nicht verloren. Ich bin eng im Kontakt mit unserer SPD-Bundestagsabgeordneten Marja-Liisa Völlers sowie mit Anja Altmann von der SPD Nienburg. Schon 2017 schenkten sie meinen Sorgen zur Hebammenversorgung Gehör. Gemeinsam wollen wir uns dem Thema Hebammenversorgung in naher Zukunft etwas praktischer widmen. Ich kann euch nur sagen: Sprecht mit euren Abgeordneten*! Sie sind euer direkter Draht nach Berlin. Der Austausch mit den politischen Vertretern vor Ort ermöglicht es euch, auch ohne politisches Amt tätig zu werden.

Für mich war die desolate Situation der Geburtshilfe der Weckruf, der mein politisches Engagement aktivierte. Wenn wir nicht handeln, tut es keiner.

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