Armut ist kein Privileg. Dein Minimalismus schon.

„Schön, dass du die Wahl hast. Ich hatte sie nicht.“ Das war mein Gedanke, als erneut eine schwangere Influencerin ihren minimalistischen Lebensstil promotete. Sie sprach davon, aus eben diesen minimalistischen Gründen in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung zu bleiben, Babys seien ja eh nicht gern allein. Sicher hat sie recht und trotzdem kam mir ihre Argumentation zum Hals raus. Sie hat die Wahl; wenn sie wollte, könnte sie sich auch mehr Wohnraum leisten. Wir hatten diese Wahl damals nicht: Als unser Sohn zur Welt kam, lebten wir auf 50 Quadratmetern und waren froh, diese überhaupt bezahlen zu können. Auf engem Raum zu wohnen, ist nicht immer ein Privileg.

Minimalismus ist ein Privileg

Minimalismus schwappt gerade als Trend durch das Internet, Marie Kondo räumt auf und alle machen mit. Gerade in Zeiten der Klimakrise ist es durchaus sinnvoll, das eigene Konsumverhalten kritisch zu hinterfragen. Allerdings wird mir das clean arrangierte, möglichst leere Wohnzimmer gerade ein wenig zu sehr zelebriert. Denn wer so in Szene setzt, worauf sie alles verzichtet, zeigt auch ganz deutlich, was sie sich alles leisten könnte.

Die Wahrheit ist doch: Das, was einige auf Instagram als hippen, umweltbewussten Lifestyle inszenieren, ist für andere bittere Lebensrealität. Da verzichtet man nicht auf Deko, Fernseher und Ledercouch, weil man Verzicht so geil findet. Das Wohnzimmer ist leer, weil das Geld für diese Dinge fehlt. In 2017 waren immerhin 15,7 % der deutschen Bevölkerung von Armut betroffen oder bedroht. Für diese Menschen ist Minimalismus kein Lifestyle, der sie moralisch erhöht – es ist ihre einzige Option.

Minimalistisch zu leben, obwohl man es nicht muss, ist sicher eine gute Entscheidung. Schwierig wird es dann, wenn man versucht, diesen Lebensstil zu einem moralischen Erfolg zu erheben. Interessanterweise scheut man aber auch da nicht davor zurück, gerade die von Armut betroffenen Personengruppen mit Minimalismus sogar ködern zu wollen. Da erscheinen Blogartikel, die „7 Gründe, warum Minimalismus gerade für Single Mamas ein geniales Konzept ist„, promoten – sogar mit dem Hinweis auf existenziell bedrohte Mütter und dem Respekt, den sie verdienten. Wieso strukturell etwas verändern, wenn man das Prekariat auch zelebrieren kann?

(Reiche) Eltern retten das Klima

Hand in Hand mit dem Minimalismus geht auch das umweltbewusste, ökologische Leben. Allen voran junge Eltern scheinen gerade emsig damit beschäftigt zu sein, eigene Lebensmittel anzubauen, Plastik zu verbannen und statt aufs Gas in die Pedale zu treten. Der Fairness halber: Ich bin ebenfalls dabei. Auch hier steht Obst und Gemüse im Garten, ich bin große Verfechterin unseres Wochenmarktes und von unverpacktem Einkaufen.

Allerdings wird in all diesen Bemühungen gern vergessen, dass gerade ökologische Elternschaft oft nur dann möglich ist, wenn das nötige Kleingeld dafür da ist. Holzspielzeug kostet im Schnitt mindestens das Doppelte vom Plastikpendant. Mit Stoffwindeln zu wickeln spart eine Menge Müll, kostet in der Anschaffung aber auch einen Haufen Geld. Wir haben zu Beginn sehr viel gebraucht gekauft, aber auch unsere Stoffwindelausstattung hat mal eben 120 Euro gekostet. Das können nur Eltern leisten, die es verschmerzen können, solch eine Summe nebenher auszugeben.

Gerade im Bereich der Stoffwindeln wird häufig mit der langfristigen Ersparnis argumentiert. Es stimmt, je nach Alter des Kindes spart man ein bis zwei Packungen Windeln pro Woche ein. Fakt ist aber auch: Wer von den exemplarischen 120 Euro zwei oder drei Wocheneinkäufe stemmen muss, kann über den Gedanken langfristiger Ersparnisse nur müde lächeln. Geld sparen kann nämlich nur die, die welches hat.

Klimabewusste Entscheidungen sind ein Privileg

Einkaufen im Unverpackt-Laden, Fahrrad statt Auto fahren und die Kleidung ist bitte immer fair oder Second Hand – ein klimabewusstes Leben kann ja so einfach sein. Oder? Nein.

Viel beschworen im hippen, klimabewussten Großstädter-Alltag ist neuerdings das Lastenrad. Mit Muskelkraft statt Treibstoff von A nach B zu kommen ist so antiquiert, dass es gerade wieder in ist. Familien ab zwei Kindern wird das Lastenrad als DIE Alternative zum Auto nahegelegt. Es ist Platz für alles: Kinder, Einkäufe und der Familienhund passt auch mit rein.

Was Verfechter des Rades allerdings übersehen: Es gibt Personengruppen, die verzichten nicht freiwillig auf einen motorisierten Antrieb. Die können sich ein eigenes Auto schlicht und ergreifend nicht leisten. Wir beispielsweise besitzen auch keinen eigenen Wagen, weil wir den monatlichen Unterhalt trotz zweier Einkommen einfach nicht stemmen können. Ein Lastenrad kommt allerdings auch nicht in Frage. Wer nur kurz einmal die Suchmaschine bemüht, stellt nämlich fest: Solch ein Lastenrad kostet schnell mal an die 2.500 bis 3.000 Euro.

Hier wird grün zum Privileg. Natürlich ist es eine tolle Sache, wenn immer mehr Familien auf ein Auto verzichten können. Aber dieser Verzicht kostet Geld. Nicht nur das Lastenrad selbst kostet ein kleines Vermögen – man muss auch in einer strukturell starken Gegend wohnen. Wer in einem Kuhdorf auf dem platten Land lebt, kommt mit dem Rad nämlich nicht weit.

Second Hand oder Fair Fashion – grün leben gibts nur in Normgrößen

Kommen wir zur Kehrseite meiner geheimen Leidenschaft: Second Hand Fashion. Kleiderkreisel ist meine kleine, geheime Shopping Sucht am Samstagabend. Natürlich tu ich das auch, weil es nachhaltiger ist, primär shoppe ich aber Second Hand, weil ich es mir anders kaum leisten kann. Meine neue Sommergarderobe muss aktuell immer noch warten, weil ich kaum genug hübsche Teile in meiner Größe zusammen bekomme. Neu kaufen ist aber ausgeschlossen – zwischen Kindergeburtstagen und Hochzeits(tags)feiern ist dafür einfach kein Geld da.

Damit tut sich ein Dilemma an zwei Fronten auf. Second Hand funktioniert nämlich primär für diejenigen gut, die sich innerhalb der Normgrößen bis maximal Konfektionsgröße 40 bewegen. Liegt man – so wie ich – darüber, wird die Auswahl knapp. Wer sich schon darüber beklagt, in gängigen Modeläden in Plussize kaum fündig zu werden, kann auf Second-Hand-Börsen geradezu verzweifeln.

Wer nicht normschön, in diesem Fall schlank, ist, bekommt auch im Bereich Fair Fashion ein Problem. Bei den bekanntesten Labels endet die Konfektionsskala bei XL, in wenigen Fällen bei XXL. Wer aber Größe 48 aufwärts trägt, sucht vergebens.
Hier ist allerdings nicht nur die Größe ein Problem, sondern auch der Preis. Mal eben 40 Euro für ein T-Shirt auf den Tisch zu legen oder 150 Euro für ein Kleid, das muss man sich eben leisten können.

Nichtsdestotrotz ist der Druck in den sozialen Netzwerken groß. Besonders Klimaschützende und Feminist*Innen appellieren aktuell laut an ihre Umwelt, Fast Fashion um jeden Preis zu meiden. Wie groß der Druck, der dabei entsteht ist, zeigt mir neulich eine Story von @minusdrei auf Instagram. Auf der Suche nach einem Plussize Bikini bat sie um Empfehlungen – mit dem Zusatz, sie nicht für Fast Fashion zu shamen, weil es eh schon schwer genug sei, überhaupt etwas zu finden. Was man findet, muss man auch bezahlen zu können.

Check your privilege!

Diese Story war für mich der Moment, in dem mir glasklar vor Augen stand, wie wenig reflektiert unsere Blase aus Nachhaltigkeit, Feminismus und Minimalismus an vielen Stellen ist. In all unserem Aktionismus für eine bessere Welt vergessen wir, dass jede Entscheidung, die wir treffen, mit Privilegien verbunden ist.

In dem Augenblick, in dem ich Kleidung für meine Kinder gebraucht auf Mamikreisel kaufe, habe ich die Wahl – ich könnte sie auch neu kaufen, spätestens, wenn ich die Oma frage. Es gibt Mütter und Väter, die haben diese Wahl nicht. Sie müssen gebraucht kaufen, weil sie sonst den Kühlschrank nicht mehr füllen könnten.

Eine Erstausstattung an Stoffwindeln zu kaufen, können wir uns leisten, weil unser monatliches Budget einen Puffer hat, der solche Anschaffungen möglich macht. Wir können diese Ausgaben an anderer Stelle kompensieren. Es gibt Familien, die können das nicht.

Auf ein Auto zu verzichten und für viele Strecken das Fahrrad zu nehmen, können wir uns erlauben, weil wir beide körperlich fit sind. Es gibt keine Beeinträchtigung, die unsere Mobilität einschränkt. Wir sind nicht auf Hilfsmittel angewiesen und haben für größere Erledigungen eine Oma, die uns ihr Auto leiht. Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen ohne Netzwerk genießen dieses Privileg nicht.

Das Zynische an der Sache mit dem Minimalismus für’s klimabewusste Leben bringt @mama.ante.portas auf den Punkt:

„Dabei, und das ist die einzig gute Nachricht: Armut ist tatsächlich gut fürs Klima, so ganz per se. Arme Menschen bewohnen kleinere Wohnungen und heizen weniger, besitzen oft kein Auto und konsumieren weniger. Von allem.“

@mama.ante.portas auf Instagram

Wann immer wir etwas für selbstverständlich erachten, wann immer wir etwas für einfach befinden, sollten wir innehalten. Genau dort sind wir vermutlich privilegiert. Sich das bewusst zu machen hilft, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

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3 thoughts on “Armut ist kein Privileg. Dein Minimalismus schon.

  1. Vielen Dank für diesen grossartigen Artikel. Er beschreibt die aktuelle Wir gegen Die Debatte ganz gut. Gerade in jenem Bereich in dem es um Nachhaltigkeit und Menschenliebe gehen sollte, wird alles ad absurdum geführt.
    Liebe Grüße
    stella

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