Frauen im Gaming: Eine komplizierte Angelegenheit

Immer mehr Männerdomänen müssen sich der Emanzipation stellen – aber Frauen haben es im Gaming immer noch nicht einfach. Hier geht es vor allem um den Struggle. Außerdem um eine Einladung. Für neue, sichere Räume.

Es gibt nicht viele positive Erinnerungen an meine Kindheit. Aber eine der guten Erinnerungen sind die Nachmittage vor den Konsolen. Erst der Gameboy Color, geschenkt 1997, als meine Geschwister und ich alle die Windpocken hatten. Auf die Frage, wie sie uns vom Kratzen abhalten solle, hörte meine Mutter, sie solle uns doch einen Gameboy kaufen. Gesagt, getan. Für Technik war schließlich trotz allem immer Geld da. Pokémon Gold war das erste Spiel und begründet die bis heute anhaltende Pokémon-Liebe. Da war ich 7.
Später dann Nintendo 64. Donkey Kong 64 und Beetle Adventure Racing. Unbeschwerte Momente, die wie Licht durch die Wolkendecke trüber Erinnerung brechen. Es hat nicht nur Spaß gemacht – ich war auch gut darin. Fuhr Rekordzeiten noch und nöcher. Löste die Stellen, die allen anderen zu knifflig waren. Nicht zwangsläufig aus Talent. Sondern aus Hartnäckigkeit. Das war meine Zuflucht. Ein Stückl heile Welt.

Es gibt auch nicht viele positive Erinnerungen an meine Teenie-Jahre. Aber eine der wenigen guten Erinnerungen sind die Nachmittage mit der Jungs-Clique mitten aufm Dorf. Counter Strike und Horrorfilme. Letztere fand ich immer übel. Aber die Shooter, die liebte ich. Weil ich auf einmal dazu gehörte. Nicht wegen meiner früh gewachsenen Brüste, die mir die Einladung verschafft hatten. Sondern aufgrund meines Talents, länger im Spiel zu bleiben als die meisten Jungs. Für Bewunderung reichte es nie. Aber für Akzeptanz. Mehr wollte ich nie.

Ich bin ein Gamer-Girl – oder nicht?

Ich war ein Gamer-Girl. Wahrscheinlich ist das hier das erste Mal, dass ich diesen Satz völlig unironisch fallen lasse. Lange hab ich es von mir weggeschoben. Aber mittlerweile sehe ich, dass Videospiele schon immer genauso zu meinem Eskapismus gehörten wie Bücher. Fantastik und Fiktion in unterschiedlichen Gewändern. Sie waren mein Tor in andere Welten. In Geschichten, die mich fortbrachten von all dem, was mein Leben ansonsten ausmachte. Videospiele und Bücher waren mein Anker.

Umso ironischer, dass ich heute kaum ein Spiel länger spiele als eine Woche. Dann verliere ich das Interesse. Nicht unbedingt wegen des Spiels an sich. Sondern weil sich ein Glaubenssatz hartnäckig hält: Das ist doch kein richtiges Hobby und ich bin doch eh nicht gut darin. Beide Teile dieses Glaubenssatzes sind gesellschaftlich bedingt – zum einen aufgrund der Bewertung von Videogaming und zum anderen aufgrund des Patriarchats.

Interessanterweise gibt es innerhalb der Videospiele eine Hierarchie in Bezug auf Gaming. Während die diversen „FIFA“ Teile und auch die „Forza“-Rennspielreihe auch bei den coolen Kids der Mittelschicht respektiert werden, ernten Fantastik-Titel wie „World of Warcraft“, „Elder Scrolls“ oder „Herr der Ringe Online“ Naserümpfen und Irritation. Alles, was über die virtuellen Abbilder der größten Leidenschaften des durchschnittlichen Deutschen hinausgeht – Bälle treten und Sprit verballern –, ist ausschließlich was für Nerds. Für dicke Teenies und später Brille tragende Erwachsene, die nur nachts vor die Tür gehen und ansonsten den ganzen Tag ihren Keller nicht verlassen.

Dass ich es hier an dieser Stelle schamlos überspitze, ist euch auch klar, oder?

Männer und Frauen im Gaming: Rehabilitation des Nerds

Die männlichen Nerds wurden im Laufe der 2000er und 2010er Jahre „rehabilitiert“. Maßgeblich trug die Serie „The Big Bang Theory“ dazu bei, dass männliche Nerds plötzlich nicht mehr als seltsam, sondern als liebenswert schräg wahrgenommen wurden. Der Hipster wurde geboren – plötzlich war es cool, wenn Männer Begeisterung für Fantasy, Konsolen und Pen & Paper zeigten.
Auf die Rehabilitation der weiblichen Nerds, der leicht schrägen Frauen mit einer Vorliebe zu Videospielen und Sci-Fi, warte ich noch. Unser Dasein blieb weitestgehend unverändert. Ich finde, seit der „Rehabilitation“ der nerdigen Männer gilt für uns Frauen umso mehr: Im Patriarchat bekommen wir es von allen Seiten ab.

Als Teenie hatte ich nach zwei Schulwechseln verstanden, dass Mädchen, die zocken, noch schlimmer dran waren als Bücherwürmer. Von Geschlechtsgenossinnen wurden sie abschätzig in die Ecke des Pick-Me-Girls gestellt: „Das macht die doch nur, um bei den Jungs gut anzukommen“. Bei den Jungs hingegen musstest du dich beweisen – solange „Du spielst ja wie ein Mädchen“ online wie offline eine Beleidigung darstellt, ist es kein Zuckerschlecken ein zockendes Teenie-Mädchen zu sein.

Es macht einsam. Da ist es einfacher, das heißgeliebte Hobby hinter sich zu lassen. Erst recht, wenn man eben auch ein sehr weiblicher Teenager ist. Ich schreibe an dieser Stelle nicht dick, auch wenn ich regelmäßig so genannt wurde. Ich war nicht dick. Aber hatte eben früh Becken, Po und Brüste. Heranwachsende haben es da nicht immer so mit Differenzierung.

Mit 16 holten mich die Videospiele wieder ein – als ich meinen Mann kennenlernte. Seinerseits Nerd mit Haut und Haaren und passionierter WoW-Spieler. Eins kann ich euch sagen: Viel einfacher als für mich war es für ihn auch nicht, ein videospielender Teenager zu sein. Aber er hatte durch das Gaming seine Peer Group gefunden. Als wir einander kennen und lieben lernten, holte er mich dazu. Seine Gilde hatte nur leider einen Haken: Das waren alles Männer. Beziehungsweise pubertierende Jungen.

Frau im Gaming: keine einfache Geschichte

Du hast es nicht leicht als Frau im Gaming. Sexismus im Gaming ist ein riesiges Problem, viele Gaming-Communities sind toxisch as hell und kein schöner Ort für eine Frau. Oder Minderheiten im Allgemeinen. Erst letztes Jahr machte Blizzard, das Entwicklungsstudio hinter „World of Warcraft“, Schlagzeilen mit einem Sexismus-Skandal, der sich gewaschen hat.

Viele Gamerinnen meiden Multiplayer-Games oder kooperative Spielmodi, die auf Voicechats angewiesen sind. Schlicht, weil du in dem Moment, in dem du dich durch deine Stimme als Frau zu erkennen gibst, schier die Sekunden zählen kannst, bis dich irgendein Dude per Directmessage angräbt. Dabei ist von unbeholfen bis zu schamlos übergriffig alles dabei. Nach einem Abend das Spiel nur genervt und nicht völlig angewidert zu schließen, kann je nach Game und Community schon ein Erfolg sein.
Das macht gerade Mass Multiplayer Online Roleplay Games (MMORPGs) wie „World of Warcraft“ oder „Herr der Ringe Online“ für Frauen zu einem schwierigen Ort. Denn dort bist du früher oder später darauf angewiesen, dass du dich einer Gilde anschließt oder zumindest Gruppen für Raids und Dungeons findest. Da aufwendige Textnachrichten während der Boss-Kämpfe eher anstrengend bis gar nicht zu meistern sind, kommst du also um den Voice-Chat kaum drum herum.

Neben der latenten Gefahr, sexualisiert belästigt zu werden, kommt aber eben auch der blanke Sexismus dazu, mit dem manche männliche Gamer dir als Frau jegliche Fähigkeit absprechen, einen Controller oder eine Tastatur auch nur in ihren Grundfunktionen bedienen zu können. Der Witz ist: Selbst Männer, die später zum Game dazustoßen als du, glauben, dir deine eigene Spielerklasse mansplainen zu können.
Wirst du also nicht dumm von der Seite angegraben, darfst du dir den ganzen Abend doofe Ratschläge antun. Geht der Raid in die Hose, ratet, wer schuld ist? Selbstverständlich die Frau – selbst wenn sie den meisten Schaden gemacht hat. Denn auch im Jahr 2022 und unter manchen erwachsenen Männern ist „Du spielst ja wie ein Mädchen“ immer noch eine Beleidigung.

Frauen im Gaming: Männer spielen anders

Als ob all das nicht reichen würde, kommt für mich noch eine weitere Dimension dazu. Zuerst habe ich das für eine wirklich rein subjektive Empfindung gehalten, aber im Gespräch mit Freundinnen stieß meine Beobachtung auf große Zustimmung: Die Spielkultur bei Männern ist ganz grundsätzlich oft einfach auch eine andere. Ich glaube, das, was ich meine, lässt sich am besten mit dem Begriff Powergaming umschreiben: Jede Entscheidung, jede Charakterausstattung, jeder Dungeon-Run ist absolut überoptimiert. Gamer überlassen nichts bis wenig dem Zufall, sondern jede Entscheidung, die sie treffen, ist auf das bestmögliche Outcome ausgerichtet.

Da werden MoBs (Monster or Beasts, feindlich gesinnte Nicht-Spieler-Charaktere) nicht einzeln getötet, sondern zu großen Gruppen zusammengezogen, um möglichst effizient zu killen. Gefarmed, also Rohstoffe oder Equipment gesammelt, wird am besten noch mit irgendwelchen Add-Ons fürs Spiel, die eigens dafür programmiert sind, möglichst wenig Arbeit mit dem Sammeln zu haben. Es gibt eigens programmierte Makros für bestmögliche Angriffsrotationen. Die effizientesten Routen, um Quests möglichst kompakt abschließen zu können, werden geplant. Die Hintergrundtexte der einzelnen Quests werden kaum gelesen – die Story erschließt sich im Zweifel auch irgendwie von allein.
Die meisten Frauen, die ich kenne, spielen anders. Langsamer, weniger planvoll, der Story ein bisschen zugewandter. Weniger auf Erfolge, geiles Equipment oder Effizienz ausgerichtet. So, dass im Zweifel auch noch Raum ist, um über Discord einen intensiven Austausch über den aktuellen feministischen Diskurs auf Instagram zu haben. Auch wenn einzelne Sätze dann durch ein beherztes „Fuck! Ich bin schon wieder gestorben!“ unterbrochen werden.

Das beißt sich natürlich, wenn Frauen und (ihre) Männer dann gemeinsam spielen wollen. Meine Erfahrung: Oft geht mir dann alles zu schnell, ich verliere den Überblick, bin gefrustet, weil ich nicht hinterher komme und mindestens ein Drittel des verwendeten Vokabulars nicht verstehe. Manchmal werde ich sogar richtig pissig, weil ich das Gefühl hab, ganz klischeehaft mit meinem Charakter nur als liebliche Deko daneben zu stehen, weil die Kerle die Gegner so schnell erlegen, dass ich gar nicht die Chance habe, Schaden zu machen. Egal, wie sehr ich mich bemühe.

Da spielt natürlich auch eine gewisse Routine eine Rolle. Denn oft spielen die Männer ja häufiger und in der Summe betrachtet länger. Während für mich die Geburt unserer Kinder mehrere Jahre Gaming-Pause bedeutete, weil mir schlicht die Kapazitäten fehlten, hat mein Mann fast die gesamte Zeit einen aktiven WoW-Account gehabt. Nicht zwingend bei uns, aber in den meisten Beziehungen mit Kindern macht sich auch im Gaming der Gender Care Gap durchaus bemerkbar.

Frauen im Gaming steigen irgendwann aus

All das zusammengenommen hat für mich dazu geführt, dass ich mich aus dem Gaming zurückgezogen habe. Denn natürlich gibt es zwar auch die „guten“ Gilden, in denen auch andere Frauen (meist so zwei) vorhanden sind und in denen man respektvoll mit allen Mitgliedern umgeht. Aber auch da geht es mir dann oft so, dass ich überfordert bin von dem hohen Maß an Powergaming.

Für viele Frauen führen die Summe dieser Dinge eben auch dazu, dass sie vollständig aus dem Gaming aussteigen. Oder sich auf Single Player verlegen, um sicher zu sein vor Verurteilung oder gar Belästigung. Manche verlegen sich auf Casual Gaming und widmen sich Games, die viel Story-lastiger sind als die klassigen MMORPGs oder Shooter. Das Umfeld ist weniger kompetitiv, die Story eine willkommene Flucht aus der Verantwortung des Alltags. Für die meisten MMORPGs fehlt vielen Frauen mit Kindern einfach auch die Zeit, um ernsthaft mit der sehr Männer-lastigen Spielerschaft mithalten zu können. Wo bleibt auch der Reiz, wenn man am Ende dann doch wieder einsam vor dem Rechner sitzt, weil es keinen Safe Space gibt, in dem man nicht angegraben wird? Da ist Instagram scrollen im Zweifel doch verlockender.

Frauen haben es mit der Akzeptanz im Gaming also auch 2022 nach wie vor schwer. Nicht zuletzt auch, weil nicht alle Formen des Gaming von der Szene gleichberechtigt anerkannt werden. Viele männliche Gamer schließen Casual Games, wie Die Sims oder Animal Crossing, nämlich auch eiskalt aus ihrer Definition des Gamings aus. Das heißt, du kannst es als Frau nur falsch machen, denn im Zweifel spielst du einfach das Falsche.

Ich komme nicht ganz zufällig gerade jetzt auf das Thema zu sprechen. Denn gerade letzte Woche habe ich meinen World-of-Warcraft-Account wieder aktiviert. Nach langem Ringen mit mir. Denn Bock darauf, wieder einmal einer Gilde die Chance zu geben, mich am Ende wieder zu vergraulen, hatte ich eigentlich nicht.

Wenn Frauen im Gaming sich finden

Als ich dann aber auf Instagram darüber sprach, passierte etwas ganz Faszinierendes: All die Frauen, die ich in dem Spiel und in meinem persönlichen Gaming-Umfeld immer vermisst haben, fanden mich. Alle ohne aktiven Account natürlich, weil es ihnen ging wie mir: Keine Zeit, nicht das passende Umfeld, das Gefühl, sich diesen Eskapismus als Selfcare nicht erlauben zu dürfen.

Es entstand eine Idee: Ein eigener Discord-Server nur für Frauen im Gaming. Ob WoW oder Elder Scrolls Online oder Die Sims. Ob PC oder Konsole. Völlig frei von Vorbehalten, aber mit jeder Menge Raum, sich auszutauschen, zusammenzutun und die Liebe fürs Gaming neu- oder wiederzuentdecken.

Damit entstand aber auch in mir etwas: eine alte Liebe flammte neu auf. Es war, als ob ich mir plötzlich die Erlaubnis geben konnte, mich auf das Gaming neu einzulassen – zu meinen eigenen Bedingungen. Nicht mehr mithalten zu müssen mit und zu verzweifeln an der männlichen Gamingkultur. Sondern Spiele, die ich liebgewonnen habe, wiederzuentdecken und dabei einen Raum zu schaffen, in dem ich mich selbst wohlfühle. Ich habe den Mut gefunden, dieser alten Leidenschaft Raum einzuräumen. Nicht nur privat, sondern auch damit, dass ich darüber rede, schreibe und daran teilhaben lasse.

Das hier ist also meine Einladung an alle Frauen da draußen: Lasst uns das Gaming neu oder wiederentdecken. Lasst uns – wie überall anders auch – Räume schaffen, in denen wir uns zusammentun, uns vernetzen, einander den Rücken stärken. Damit Gaming nicht länger eine Männerdomäne bleibt.

Willst du dich einer lockeren Truppe von Frauen anschließen, die mit- und nebeneinander zocken und sich über alles und nichts austauschen? Schreib mir auf Instagram und ich schicke dir den Link zu meinem Discord-Server.

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Celsy ist freie Texterin, Journalistin, Dozentin und Gründerin von Eine fixe Idee. Entweder schreibt sie Ratgeber für Kunden, über Familie, Feminismus und Gesellschaftliches oder sie engagiert sich ehrenamtlich und sozialpolitisch. Dabei hat sie immer eine Tasse Kaffee in der Hand. Wie soll man das Leben mit zwei Kleinkindern denn auch sonst überleben?

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