Auch Selfcare braucht Menschen, die sich kümmern

Seit Wochen begleitet mich eine gewisse Unzufriedenheit, die mich immer in den Abendstunden befällt. Immer dann, wenn ich von der Einschlafbegleitung nach unten komme und der Weg direkt aufs Sofa führt. Fernbedienung in der einen, Smartphone in der anderen Hand. In meiner Brust die unübersehbare Sehnsucht danach, den Abend mehrwertiger, nährender zu verbringen als mit Bingen bei Netflix und Doomscrolling bei Instagram. Es ist Sehnsucht nach ein bisschen Selfcare.

Doch so groß diese Sehnsucht im Herzen auch ist – in die Tat umgesetzt krieg ich es doch nicht. Womit ich in eine Spirale aus Unzufriedenheit und Selbsthass gerate. So unfassbar schwer, meinen Abend NICHT vor Netflix zu verbringen, kann es doch nicht sein!?

Ich schelte mich selbst für meine Unfähigkeit und die mangelnde Disziplin, meine Abende mit tatsächlicher Selbstwirksamkeit zu füllen. Gleichzeitig merke ich, wie der Akku bei dem Gedanken daran, etwas Sinnvolles zu tun, hektisch rot zu blinken anfängt. Nicht der meines Smartphones – sondern mein eigener, innerer Akku, der doch aber so dringend nach Selfcare verlangt. 

Es hakt an dem, was Selfcare erfordert

Als ich also nun am Samstagabend wieder da saß, voll mit Unzufriedenheit und Selbstablehnung, in Ermangelung einer Serie, die diesen Zustand direkt erstickte, starrte ich auf den von den Kindern vollgeräumten Couchtisch. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich schrieb auf Instagram: 

Das Schwierigste am etwas für mich selbst Tun, seitdem ich Mutter bin, ist übrigens das, was ich tun *muss*, bevor ich etwas tun *kann*. Weil gerade an Tagen wie heute so viel liegen bleibt, was ich als Kinderlose im Alltag schon erledigt habe. 

Mir selbst die Tarotkarten legen? Erstmal den Wohnzimmertisch aufräumen, abwischen und herrichten. 
Nähen? Erstmal den Nähplatz leer räumen, abwischen, Stoff und Co. zusammensuchen, Schnittmuster zuschneiden… 
In die Badewanne? Erstmal Badewanne abräumen, Wäsche beiseite schieben, Kerzen zusammensuchen… 

Ich habe seit Wochen so sehr das Bedürfnis, meine Abende mehrwertiger zu verbringen als nur mit Netflix und Handy in der Hand. Aber wenn im Alltag Kraft und Zeit nicht reichen, um die Voraussetzungen zu schaffen, dann reichts abends halt erst recht nicht. 

Nicht allein mit dem Selfcare-Struggle

Die Resonanz war überwältigend. Es gibt SO viele Mütter da draußen, die mir schrieben und mir sagten, dass es ihnen ganz genauso geht. Nicht nur, dass sie sich in dieser Beobachtung wiederfanden. Genauso wie mir wurde ihnen das Problem erst klar, als sie mit der Nase darauf gestoßen wurden. 

Wir sind den ganzen Tag damit beschäftigt, Bedürfnisse zu erfüllen. Damit, Wäsche zu machen, Geschirr zu säubern, Essen zu richten und Unterhaltung zu schaffen. Irgendwas bleibt dabei immer auf der Strecke. Hinter sich her zu räumen, damit Esstische, Couchtische und Co. abends direkt nutzbar sind, fällt bei den meisten als Erstes weg. Das ist an sich auch voll ok. Wir kümmern uns vor allem zuerst um kleine Menschen, nicht darum, bei Schöner Wohnen mitzuspielen. 

Doch abends, wenn dann in den Kinderzimmern das Licht ausgeht, kosten wir den bittersüßen Geschmack der wenigen Freiheit. Genau da fällt uns dieser Überlebensmoduss vor die Füße: Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Vor allem die Voraussetzungen, die wir brauchen, um für uns selbst zu sorgen. 

Wir tun also nach der Einschlafbegleitung, was wir tun müssen: Ordnung herstellen, um am nächsten Tag nicht im Chaos zu ertrinken. Aber wenn das dann auch noch erledigt ist – ja, dann ist weder Zeit noch Energie für irgendeine Form der Selbstfürsorge übrig. 

Hier fällt für mich auf, warum das auf Social Media so gefeierte Konzept von Selfcare so zu kurz greift. Vor allem, wenn wir in irgendeiner Form Fürsorge-verpflichtet sind: Weil die suggerierte Form von Selbstfürsorge daran hängt, von anderen unabhängig zu sein. Tatsächlich allein für uns sorgen zu können.

Warum die kommerzielle Vorstellung von Selfcare zu kurz greift

I tell you what: In unserem aktuellen Szenario KANN das NICHT funktionieren. Es braucht zwingend mindestens eine zweite Person, damit wir überhaupt erst befähigt werden, für uns selbst zu sorgen. Jemand, der oder die schon mal den Tisch abräumt, damit Platz für die Nähmaschine ist. Jemand, der oder die mal eben die Wäsche in die Maschine stopft, damit der Weg zur Badewanne frei ist. Jemand, der oder die die Kinder daran erinnert, den Couchtisch abzuräumen. 

Und manchmal jemanden, der oder die eine Decke und ein paar Snacks bringt, wenn außer Sofa wirklich gar nichts anderes mehr drin ist. 

Ich bin privilegiert genug, so jemanden zu haben. Aber grad dann, wenn dieser Jemand ausfällt, wird mir umso klarer, wie sehr das Konzept der Kleinfamilie und unser Verständnis von Selfcare grad für Alleinerziehende hinkt. Es gibt keine Selfcare ohne Community Care.

Selbstwirksamkeit und Selbstfürsorge brauchen einen eigenen Raum

Ich komme nicht umhin, in diesem Zusammenhang von Selbstfürsorge und Selbstwirksamkeit an Virgina Woolf und „Ein eigenes Zimmer“ zu denken. In ihrem Essay schildert Woolf, dass Frauen 500 Pfund und ein eigenes Zimmer bräuchten, um (große) Literatur zu produzieren. In meiner schreibenden Mütterbubble ist dieser Essay wohl der meist zitierte, denn im Grunde brachte Woolf schon vor fast 100 Jahren auf Punkt, was auch ich immer wieder denke:

Frauen, insbesondere Mütter, brauchen ein eigenes Zimmer. Einen eigenen Raum, mit einer Tür und einem Schloss, zum Denken, Schreiben und Sein. Für unsere eigene Selbstwirksamkeit. Für uns. Damit Nähprojekte auch mal liegen bleiben könne, ohne dass Kinderhände daran reißen. Auch damit wir Schokolade nicht im Badezimmerschrank verstecken müssen. Vor allem damit all die Gedanken wirklich mal zu Ende gedacht werden können. 

Dort, abends auf meinem Sofa, denke ich an all das. Wie sehr wir auf gemeinschaftliche Fürsorge angewiesen sind, um für uns selbst zu sorgen. Und wie sehr jede von uns ein eigenes Zimmer bräuchte, um endlich mal tun zu können, woran wir schon so lange denken – ohne vorher dreckige Teller und Marmeladenflecken zu beseitigen.

P.S.: Einen sehr ehrlichen Text über Selbstfürsorge hat Katja alias @Kakaoschnuten gerade auf Instagram veröffentlicht. Lest den doch mal. 😉

Website | + posts

Celsy ist freie Texterin, Journalistin, Dozentin und Gründerin von Eine fixe Idee. Entweder schreibt sie Ratgeber für Kunden, über Familie, Feminismus und Gesellschaftliches oder sie engagiert sich ehrenamtlich und sozialpolitisch. Dabei hat sie immer eine Tasse Kaffee in der Hand. Wie soll man das Leben mit zwei Kleinkindern denn auch sonst überleben?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.