Mütter schreiben nicht

Ich saß auf dem Kinderzimmerfußboden und heulte. Es war kein herzzereißendes Weinen, das kämpft und verzweifelt einen Ausweg sucht. Vielmehr waren es stumme Tränen der Kapitulation. Statt in meiner Hängematte zu liegen und zu schreiben, saß ich auf dem Teppich und stapelte Duplosteine.

Es waren die gleichen Tränen, die mir auch später am Nachmittag wieder über die Tränen laufen sollten, als in den Gärten rundherum geschäftige Betriebsamkeit herrschte und direkt hinter meinem Schreibplatz die Nachbarn Büsche herunterschnitten. Diese stumme Trauer stellte keine Forderungen, sondern nur eine einzige Frage: Ist mir dieses Leben vielleicht gar nicht zum Schreiben bestimmt? Es waren Tränen einer Seele, die bereit waren, den Traum einfach aufzugeben.

Mit dem herannahenden Geburtstag vom großen Kind reihen sich gerade 47 Monate verpasster Gelegenheiten aneinander. Die Muse küsst und ich – stehe mitten im Chaos. Statt dem Impuls nachzugeben und der Kreativität freien Lauf zu lassen, erfülle ich Wünsche, beseitige Flecken und trockne fremde Tränen. Da ist kein Platz für Gedanken, keine Muße für langes Philosophieren. Stattdessen Routinen, Ansprüche und Verantwortung, die es zu erfüllen gilt.

Mütter schreiben nicht, denn sie haben keinen Raum zum Denken.

…,denn sie sind nie allein

In den vergangenen Monaten haben großartige Frauen wie Mareice Kaiser, Ninia Binias oder Teresa Bücker es schon festgestellt: Zum Schreiben muss man Denken und zum Denken braucht man Ruhe. Wer 24/7 dem Geschrei, Gewusel und Getrappel kleiner Kinder ausgesetzt ist, kommt nicht zum Denken.

Mütter denken nicht, sie funktionieren.

Wann immer ich ein großartiges Buch einer Autorin lese und ihren Klappentext studiere, mache ich die Erfahrung, dass die Autorinnen mit Kindern weitaus älter sind als ich. Diejenigen, denen Veröffentlichungen gelungen waren, haben meiner Lebenszeit meist an die zehn oder zwanzig Jahre voraus. Lange dachte ich, es sei dem Literaturbetrieb allein geschuldet. Heute weiß ich: Als ihre Kinder klein waren, ging es ihnen nicht anders als mir.

Wo es sich beständig darum dreht, verfügbar zu sein, Windeln zu wechseln, Essen zu machen, Besorgungen zu erledigen und Verabredungen zu koordinieren bleibt kein Platz für Muße. Wer immer auf Abruf ist, kommt nicht in den Flow.

Mütter schreiben nicht, denn sie sind nie allein.

…es sei denn, es hilft ihnen jemand auf

Es gab eine Zeit, da habe ich mich gefragt, ob mir die Kreativität abhandengekommen war. Da habe ich gesagt, all die Geschichten, die ich erzählen könnte, hätten mich verlassen. Nach einigen erholsamen, allen Eindrücken zum Trotz stillen Tagen in Bayern weiß ich: Die Geschichten sind alle noch da. Die Kreativität ist nicht mein Feind. Der Alltag ist es, der sie hat verstummen lassen.

Wie so häufig suche ich den Fehler bei mir. Schließlich habe ich einen unterstützenden, seinen Teil der Last tragenden Mann, für beide Kinder Kita-Plätze, eine engagierte Schwiegermutter; und dennoch gleicht mein Autorinnendasein einem einzigen Raumkampf. Mein Zuhause ist für mich kein Ort zum Schreiben. In meinem ständigen Alltag aus den immer gleichen Tagen mit den immer gleichen Menschen und den immer gleichen Abläufen findet die Kreativität keinen Platz.

Mütter schreiben nicht, denn sie denken nur selten an sich.

So ist es also, dass ich immer wieder sage, ich bräuchte einen Ort zum Schreiben und dann immer wieder im Alltag verloren gehe. Mein Leben als Schreibende gleicht einem einzigen Hürdenlauf: Der Sonnenaufgang ist der Start und das geschriebene Wort das Ziel – dazwischen jede Minute ein Hindernis, das es zu überwinden gilt. Manchmal gelingt es mir, mit genügend Schwung und der Kraft einer jungen Gazelle. Viel öfter hingegen bleibt der Knöchel hängen und mit dem Hindernis gehe auch ich zu Boden.

Mütter schreiben nicht, es sei denn, es hilft ihnen jemand auf.

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2 thoughts on “Mütter schreiben nicht

  1. Oh Gott! Daaaanke für diese Worte! Ich erkenne mich so sehr darin wieder, dass die Erkenntnis schon wehtut.
    Morgens stehe ich voller Elan und Ideen auf, motiviert heute endlich wieder was zu Papier zu bekommen, Mittags kreisen die Gedanken noch, gegen Nachmittag versiegen sie langsam um dann am Abend, wenn Sohnemann im Bett ist und das nötigste im Haushalt bezwungen wurde, nur noch einen leeren Platz im kreativen Teil des Gehirns zu hinterlassen. Jeden Tag, das Gleiche.

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