Instagram und die Verwertbarkeit des Alltags

Auf Instagram beim Wäsche machen oder Kaffee trinken zusehen, gemeinsam Kekse backen und abends auf dem Sofa die Lieblingsserie spotten: Wir sind es gewohnt, den Alltag anderer auf dem Bildschirm unseres Smartphones zu beobachten. Ebenso teilen immer mehr Menschen ihren Alltag, egal, ob sie einhundert oder zehntausend Follower haben. Doch warum tun wir uns das eigentlich an? Ist es nicht anstrengend, den Alltag immer auf seine Verwertbarkeit zu prüfen?

Poste ich auf Instagram Dinge, die ich mache oder mache ich Dinge, um sie zu posten?

Neulich unterhielt ich mich mit meiner Freundin Jessika über unseren aktuellen Insta-Struggle. Jessika nimmt sich gerade ein paar Tage Auszeit von der App. Dazu bewogen hat sie dieselbe Beobachtung, die auch ich gerade immer wieder mache: Alles, was ich tu, wird von mir erst einmal darauf analysiert, ob ich es posten kann.

Dabei geht es nicht einmal um datenschutzrechtliche Belange oder die Privatsphäre anderer Personen. Diese Frage stelle ich mir nämlich immer dann, wenn ich ehrenamtlich unterwegs bin und davon erzählen will. Vielmehr frage ich mich bei ganz alltäglichen Dingen, ob ich sie für eine Story in Szene setzen kann.
Socken sortieren? Direkt einmal ein Foto machen.
Mittagessen? Gleich noch ein GIF drauflegen.
Das Keksrezept? Ach shit, für ein Reel ist es schon zu dunkel.

Es sind nicht mehr nur die originellen, einmaligen Anekdoten, die wir für unsere Instagram-Accounts aufbereiten. Wir kuratieren unseren Alltag, zeigen uns selbst beim Putzen, Wäsche waschen, schlafen. Statt Highlights zu zeigen, perfektionieren wir die Verwertbarkeit des Alltags – und die Leute schauen sich diesen Alltag an.

Welche skurrilen Blüten das treibt, stellen meine Freundin und ich im selben Gespräch ebenfalls fest: Manchmal machen wir Dinge nur, um sie posten zu können. Dann wird die DIY-Idee nicht aufgeschoben, um sich mit einem Kakao aufs Sofa zu chillen, sondern direkt umgesetzt. Natürlich, um dabei gefilmt und in einem süßen Reel mit Weichzeichner und Lieblingssong auf Instagram verarbeitet zu werden.

Man könnte argumentieren, dass ein umgesetztes DIY-Projekt immer noch produktiver ist als auf dem Sofa zu gammeln, Verwertbarkeit hin oder her. Aber es stellt sich ja doch die Frage: Wie gesund ist ein Alltag, der permanent auf seine Verwertbarkeit hin analysiert wird? Was macht das mit uns, wenn wir immer wieder die Kamera drauf halten, um andere zu unterhalten?

Instagram: Unsere eigene, kleine Truman-Show

Manch eine erinnert sich vielleicht an den Film aus den 90er-Jahren, „Die Truman Show“. Eine detaillierte Handlung findest du bei Wikipedia, für alle anderen eine kurze Auffrischung: Jim Carrey spielt in „Die Truman Show“ den Charakter Truman Burbank, der unwissend sein Leben in einer simulierten Stadt in einem TV-Studio lebt und eigentlich der Hauptcharakter einer Fernsehshow ist. Diese Fernsehshow will das Leben eines Menschen von der Geburt bis zu seinem Tod unter Realbedingungen dokumentieren – ohne, dass der Hauptcharakter weiß, dass er der Star einer Fernsehserie ist. Und so können die Zuschauer*innen Truman Burbank in seinem Alltag begleiten: Vom Aufstehen an, während der Arbeit, im Bad bis abends zum Schlafengehen. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor?

Wir öffnen täglich eine kleine App mit quadratischen Bildchen und 15-sekündigen Storyslides für genau das: Wir beobachten andere Menschen dabei, wie sie morgens ihren ersten Kaffee trinken, sich im Bad schminken, ihre Kinder zur Kita bringen, zur Arbeit fahren. Nachmittags sehen wir sie auf dem Sofa oder auf dem Spielplatz, hören uns ihre Sorgen und Erfolge an und abends beenden wir unseren Tag damit, uns ihr Abendessen anzusehen und auszuchecken, welche Serie sie gerade anschauen.

Instagram ist unsere eigene, kleine Truman-Show.

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Alles nur für ein kleines Bisschen Dopamin

Der Unterschied ist: Ich weiß, dass ihr mir bei meinem Alltag zuseht. Im Gegensatz zu Truman bin ich nicht völlig ahnungslos UND kann selbst entscheiden, welche Ausschnitte ich zeige und welche nicht. Ich nehme euch sehr bereitwillig mit in mein Privatleben. Wie der Regisseur der Truman-Show schaue ich, wo das Licht gut ist oder suche den besten Winkel, um mich selbst beim Wäsche Machen zu filmen.

Das eindrücklichste Beispiel sind wohl die von euch so geliebten Hula-Hoop-Stories. Es ist ja nicht nur so, dass ich einfach Sport machen würde und euch dabei zusehen lasse. Ich suche vorher einen guten Ort für die Kamera. Lasse die Kamera mitlaufen. Im Anschluss lade ich nicht das ganze Video hoch, sondern schneide besonders griffige 15-Sekunden-Sequenzen zu. Dann lade ich ebendiese hoch und lege die Musik passend drunter. Schreibe euch einen Text dazu. Schieße ein süßes Selfie als Einleitung.

Ruckzuck wurde aus 15 Minuten Sport ein Prozess von teilweise einer Stunde. Nur, um diesen Punkt meines Alltags für euch maximal zu verwerten. Der Clou dabei: Wer gut in diesem Job ist, kuratiert die Ausschnitte aus dem Alltag so geschickt, dass sie gar nicht wie Ausschnitte wirken. Der Effekt, der entsteht: Wir müssen uns und einander immer wieder daran erinnern, dass wir auf Instagram eben nur das sehen – Ausschnitte.

Doch woher kommt der Zwang, alles, was ich erlebe, direkt online zu posten? Ich persönlich trenne gern den kreativen Impuls, Keksrezepte oder Alltagssituationen in einen Beitrag zu gießen, von dem Impuls, einen Beitrag für Instagram zu schreiben. Was meine ich damit?

Warum tun wir uns das an?

Für mich als Autorin und Texterin ist der kreative Impuls an sich erst einmal etwas, das mir generell im Blut liegt: Kunst lebt seit Menschengedenken davon, dass Künstler*innen ganz Alltägliches in eine Form gießen und so mit anderen Menschen teilen.

Mir also ein Format zu überlegen, in dem ich beispielsweise ein Keksrezept kreativ aufbereiten kann oder bei bestimmten Phrasen direkt zu denken: „Darüber könnte ich mal schreiben“ ist also nichts, was uns Instagram eingebrockt hat. Inspiration ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir verbinden uns miteinander, indem wir alltägliche Erfahrungen aufbereiten und miteinander teilen. Schon lange, bevor es Smartphones gab, haben Menschen Zeichnungen von Mammutjagden an Höhlenwände gemalt.

Die Krux besteht darin, dass der kreative Impuls mittlerweile bei vielen unmittelbar an den Gedanken an Instagram geknüpft ist. Ich denke bei Inspiration nicht mehr bloß an einen Beitrag – ich denke direkt daran, wie man das Ganze so für Instagram aufbereiten kann, dass es maximale Aufmerksamkeit bekommt. Obwohl ich weiß, dass ich damit nicht einmal für mich selber kreiere, sondern meine kreative Energie in die Hände reicher Silikon-Valley-Hipster gebe. Ich erreiche zwar viele Menschen, aber gebe mein kreatives Schaffen an eine Plattform ab, die vor allem dazu da ist, Menschen Dinge zu verkaufen.

Warum also tun wir uns das an? Weil unser Gehirn von Instagram konditioniert wird. Jedes Mal, wenn wir etwas posten und daraufhin Likes und Kommentare erhalten, ist das eine Belohnung. Unser Gehirn schüttet Dopamin, ein Glückshormon, aus. Je mehr Likes wir bekommen, desto mehr Dopamin wird frei – und unser Gehirn fängt an, kreative Arbeit mit dem unmittelbaren Feedback zu verknüpfen. Wir kreieren, laden es auf Instagram hoch und bekommen unmittelbares Feedback. Ein kleines Feuerwerk fürs Gehirn, jedes Mal wieder, wenn wir einen Beitrag schreiben, eine Story machen oder ein Reel drehen.

Instagram lockt mit unmittelbarem Feedback

Am Beispiel meines Newsletters wurde mir der Kontrast zwischen Social Media und anderen Plattformen meines kreativen Schaffens neulich sehr deutlich: Ich stecke in den Newsletter genauso viel Liebe und Hirnschmalz wie in jeden Instagram-Beitrag. Doch sobald ich den Newsletter versendet habe, passiert – nichts.

Auf Social Media bekomme ich für jeden Beitrag unmittelbares Feedback. Selbst wenn Kommentare ausbleiben, sehe ich anhand der Likes, dass mein Posting von anderen zumindest registriert wurde. Wie Neurowissenschaftler Dar Meshi sagt, gibt mir allein das Eintrudeln der Likes die Bestätigung, einer sozialen Gruppe zugehörig zu sein. Genau das macht für mich auch den Reiz von Instagram aus: Ich komme unmittelbar mit euch in Kontakt, es ist nicht nur eine Bühne, sondern ein Austausch.

Bei meinem Newsletter allerdings weiß ich nicht, ob er von den Empfänger*innen wirklich gelesen wurde. Anhand der Statistiken kann ich sehen, wie oft er geöffnet wird – aber ob er die Menschen unterhalten hat, ob sie sich geärgert haben, ob sie etwas gelernt haben? Das weiß ich nicht, solange niemand aktiv antwortet.

Nachdem ich meinen letzten Newsletter verschickt hatte, saß ich am Schreibtisch und alles fühlte sich irgendwie schal an. Mir fehlte das unmittelbare Feedback, das ich von Instagram gewohnt bin. Trotz der Genugtuung, den Newsletter vollbracht zu haben, fehlte der Dopamin-Kick, den mit Instagram zuverlässig in Form von Likes und Kommentaren verschafft.

Da wurde mir klar, warum der Newsletter und auch das Bloggen mir umso schwerer fallen, je länger ich auf Instagram unterwegs bin. Die App hat mich abhängig gemacht. Gerade wir Freischaffenden wurden von einem großen Technologieunternehmen schlichtweg über den Tisch gezogen. Sie bereichern sich an unserer kreativen Energie, verdienen Geld mit unserer Kunst, während wir mit anderen über jedes Honorar verhandeln. Und durch die kleinen Dopamin-Kicks macht es uns die Anwendung immer schwerer, uns von ihr zu emanzipieren.

Kein Plädoyer, Instagram den Rücken zu kehren

Nicht nur uns Freischaffenden geht es so: Auch ganz normale Durchschnittsverbraucher*innen, die Instagram rein privat nutzen, kennen das Problem. Den Druck, immer mehr abliefern zu müssen. Den Drang, auch mal einen viralen Beitrag zu verfassen. Das Gefühl, die Stories der anderen sind immer viel ästhetischer als die eigenen. Es ist ein kollektives Phänomen.

Außerdem ist da, glaube ich zumindest, noch eine Erfahrung, die uns alle in Hinblick auf Instagram verbindet: Wenn wir so fokussiert auf den Dopamin-Schub sind, den ein Beitrag oder eine Story auf Instagram verspricht, wie viel nehmen wir von dem, was wir da gerade erleben, denn noch wahr? Ich frage mich schon hin und wieder, wie viele reale Glücksmomente ich verpasst habe, weil ich so darauf konzentriert war, den Augenblick möglichst szenisch für diese App festzuhalten.

Trotzdem ist dieser Text kein Plädoyer, Instagram den Rücken zu kehren. Sicher täte es uns allen gut, die App einmal öfter nicht zu öffnen. Aber für viele ist Instagram auch eines der wenigen Tore – oder das einzige Tor – zur Welt. Ob einsam im Homeoffice, mit Kind zuhause oder ob neurodivergent und deshalb mit live Kontakten schnell überfordert: Instagram hat für viele auch seine guten Seiten.

Ich glaube, dass es einfach sinnvoll ist, sich all das vorher Geschriebene hin und wieder vor Augen zu führen. Als Freischaffende ermahnt es mich, wieder mehr für mich selbst zu kreieren und nicht mehr exklusiv für die App. Euch als Konsumierende erinnert es vielleicht daran, lieber einmal öfter den Link zum Blog zu klicken oder auf einen Newsletter zu antworten, statt nur die Shortcopies auf Insta zu lesen.

Ich glaube, uns alle ruft dieser Text hin und wieder dazu auf, einfach mal den Alltag wahrzunehmen – und mal zu spüren, wie der eigentlich so ist, so ganz ohne die Kamera drauf zu halten.

Als freie Journalistin kann ich dir diesen Blogbeitrag frei zur Verfügung stellen. Weitere, spannende Beiträge erwarten dich, wenn du mich schon ab 3 Euro im Monat auf Steady supportest! Du möchtest dich für den frei verfügbaren Content bedanken? Dann mach das doch mit einem Kaffee über PayPal. Ich danke dir von Herzen!

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Celsy ist freie Texterin, Journalistin, Dozentin und Gründerin von Eine fixe Idee. Entweder schreibt sie Ratgeber für Kunden, über Familie, Feminismus und Gesellschaftliches oder sie engagiert sich ehrenamtlich und sozialpolitisch. Dabei hat sie immer eine Tasse Kaffee in der Hand. Wie soll man das Leben mit zwei Kleinkindern denn auch sonst überleben?

4 thoughts on “Instagram und die Verwertbarkeit des Alltags

  1. Bester Blogtext, den ich seit langem gelesen habe! Ich kenne den Dopamin-Rausch, von dem Du schreibst, zu gut. Und auch den omnipräsenten Hintergedanken, alles auf Verwertbarkeit abzuscannen. Dagegen hat auch bei mir am besten eine totale Insta-Entwöhnungspause geholfen (Grüße an Jessika). Ich glaube, man darf sich nicht verurteilen, auf diese Mechanismen anzuspringen. Es wird von den Social Media Konzernen viel Zeit und Geld investiert, uns Komsumentinnen so abhängig wie möglich zu machen. Ein wichtiger Schritt ist es, sich dessen bewusst zu werden und von Zeit zu Zeit zu checken, ob das eigene Insta-Verhalten mich noch glücklich macht, oder mir glückliche Momente raubt. Danke für deinen gut durchdachten Denkanstoß!

    1. Danke für das liebe Feedback! <3 Und ja, ich bin voll bei dir, Selbstverurteilung bringt uns nicht weiter. Spannend finde ich, dass es wirklich mehreren so geht, das im ersten Moment vor allem der Entzug am besten hilft. Das spricht einfach nochmal dafür, dass wir nicht nur von Abhängigkeit reden, sondern tatsächlich abhängig SIND. Also so richtig Hirn-Chemie mäßig. Danke für den Austausch hier, so richtig oldschool in einer Kommentarspalte. <3

  2. Danke Celsy!
    Dein Artikel hat mich sehr zum Nachdenken gebracht, denn an einigen Stellen, habe ich mich natürlich direkt wieder erkannt. Besonders dein Hula-Hoop-Beispiel ist mir seeehr bekannt vorgekommen.
    Danke, dass du deine Gedanken mit uns geteilt hast. Denn mich hast du nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern mich auch dazu motiviert, das Handy und vor allem Instagram künftig öfter nicht mit einzubeziehen.

    Ich drück dich aus der Ferne!

    Liebe Grüße
    Anna

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