Wann haben Eltern eigentlich Sex?

Gibt man die oben genannte Frage bei Google ein, erhält man 46.400.000 Treffer in unter einer Minute. Man merkt: Wie das mit dem Geschlechtsverkehr nach der Geburt eines Kindes ist, bewegt viele Paare. Obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der es immer weniger Tabus zu geben scheint, fassen viele die Frage danach, ob und wann Eltern Sex haben, immer noch nur mit der Kneifzange an. Dabei kann der Quickie zwischendurch genau das sein, das Eltern miteinander verbindet, wenn alles andere auf der Strecke bleibt. Gemeinsam mit Coach Petra Steiner beleuchten wir heute, wie Paare mit ihrer Sexualität in der Beziehung umgehen können.

Was Mental Load damit zu tun hat, wann Eltern Sex haben

Wohl kaum jemand, der oder die Eltern geworden ist, kann abstreiten, dass ein Baby ungefähr alles verändert. Vor allem in den ersten Monaten konzentriert sich die gesamte Aufmerksamkeit darauf, dieses kleine Wesen und sich selbst am Leben zu erhalten. Dazu kommt ein enormer Verantwortungszuwachs. Mit der Elternschaft kommen zahlreiche Dinge hinzu, an die man denken, die man erledigen und parat haben muss.

In der feministischen Betrachtung von Elternschaft spricht man dabei von Mental Load. Es geht nicht nur konkret darum, was alles zu erledigen ist. Sondern auch die gedankliche und emotionale Arbeit, die vorher damit einhergeht. Um ausreichend Babyklamotten da zu haben, muss man nicht nur losgehen und selbige einkaufen. Vorher muss man daran denken, dass das Baby aus seinen oder ihren Klamotten herauswächst. Man muss sich erkundigen, welches die nächste Kleidergröße ist. Auch muss man bedenken, wie sich das Wetter entwickelt, solange das Kind die folgende Kleidergröße trägt. Man muss kalkulieren, wie viel Klamotten das Kind etwa braucht, wenn man nicht täglich die Waschmaschine anstellen will. Schließlich muss man außerdem wissen, ob das Kind bestimmte Kleidungsstücke weniger gern trägt als andere. (Hier waren Schlafanzüge mit geschlossenen Füßen ein absolutes No-Go!)

Der Haken am Mental Load: In vielen heterosexuellen Paarbeziehungen trägt ihn die Frau. Sie ist meist diejenige, die Kita-Anmeldungen, Kleidergrößen, Lieblingsspielzeuge und notwendige Utensilien in der Wickeltasche viel eher parat hat als die Herren der Schöpfung. Das ist nichts, das einfach so gegeben ist, sondern geht in den meisten Fällen mit unserem Mutterbild und der Sozialisierung von Frauen einher. Während Männer sich also oft von einer Aktivität zur nächsten hangeln, weil sie es gewohnt sind, im familiären Kontext nur auf Zuruf zuständig zu sein, quellen die Köpfe der Mütter über vor Dingen, die sie noch erledigen müssen. Auch der gut gemeinte Rat, einfach mal etwas liegen zu lassen, ist hierbei nur so semi-hilfreich, denn: Alles, was heute nicht erledigt wird, kann morgen potentiell Stress und Streit verursachen. Dafür greifen gerade im familiären Kontext zu viele Kleinigkeiten wie Zahnräder ineinander.

Damit kommen wir an den entscheidenden Punkt, was Mental Load damit zu tun hat, wann Eltern Sex haben. Mental-Load-Expertin Laura Fröhlich schildert das Szenario in ihrem Blogartikel „Stress bremst die Lust! Was Mental Load mit Sex zu tun hat“ sehr anschaulich anhand eines Paar Socken. Die negativen Erfahrungen, was passiert, wenn es den Kindern morgens an Socken fehlt (also known as Stress) überlagert die Aussicht auf Sex und priorisiert das Zusammenlegen der Wäsche höher. Laura kommt in ihrem Buch zu dem Schluss:

Nur mit einem einigermaßen freien Kopf kommt die Lust, denn sie entsteht im Gehirn und wird im vegetativen Nervensystem über eine Gas- und Bremsanlage reguliert. Stress kann ein zur Vollbremsung der Lust führen, erklärt Psychologin Sandra Konrad. Und das ist doch eigentlich logisch, oder? Denn wer unter seiner Decke liegt und in Gedanken Einkaufslisten schreibt, hat keinen Sinn für Romantik. Wer in Sachen Mikromanagement in Familien nicht geübt ist, hat nicht auf dem Schirm, was getan werden muss, und macht sich folglich weniger Gedanken.

Aus: „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“ von Laura Fröhlich

Auch der Körper nach der Geburt entscheidet, wann Eltern Sex haben

Neben dem entstehenden Mental Load, der vor allem Mütter nach der Geburt oft trifft die die Pfanne auf den Hinterkopf, spielt auch das Wohlbefinden der Frau nach der Geburt eine entscheidende Rolle. Expertin Petra Steiner sagt dazu: „Der weibliche Körper hat sich [mit der Geburt, Anm. d. Red.] verändert. Vielleicht kämpfen wir mit traumatischen Geburtserlebnissen bis hin zu postnatalen Depressionen. Bei vielen Frauen können sich die Bedürfnisse ändern. Sie wollen Sex vielleicht nicht mehr so, wie sie ihn vorher hatten. Manche brauchen mehr Einfühlungsvermögen, um sich überhaupt hin geben zu können. Oder sie brauchen vielleicht ein längeres Vorspiel, weil sie nach der Geburt mit Scheidentrockenheit zu kämpfen haben. Einige brauchen andere Stellungen, weil die Brüste ansonsten schmerzen. Andere wollen vielleicht lieber Sex im Dunklen, weil sie sich noch nicht so gut in ihrem veränderten Körper eingefunden haben.“

Gerade das Stichwort Geburtsverletzungen ist ein Aspekt, der gerade von jungen Eltern immer wieder unterschätzt wird. Eine stramme Dammnaht reicht oft schon, um die Art und Weise, wie Paare bislang zueinander fanden, gehörig auf den Kopf zu stellen. Petra Steiner rät: „Es hilft immens, wenn sich beide zugestehen, dass der Sex ab nun anders sein darf! Anders heißt nämlich in keinem Fall schlechter. Anders kann noch viel besser sein! Nun gilt es „nur noch“, über den Schatten zu springen und darüber zu sprechen!

Was können Eltern tun, um die Spannung wiederzubeleben?

Es sind zahlreiche Herausforderungen, denen sich Paare stellen müssen, wenn sie Eltern sind. An dieser Stelle darf dann auch ganz offen festgehalten werden: Es ist vollkommen okay, keinen Bock auf Sex zu haben und Geschlechtsverkehr auf der Prioritätenliste ganz weit nach unten zu schieben. Wer gerade einen kleinen Menschen auf diese Welt befördert hat und sich von all dem, was das mit sich bringt, überfordert fühlt, ist Aktivitäten, die potentiell zu weiteren kleinen Menschen führen können, zurecht abgeneigt.

Es ist wichtig, festzuhalten: Entgegen der auf Instagram oft geteilten Überzeugung musst du niemals und in keinem Fall Sex haben, wenn du keinen willst. Nein, auch nicht deinem Mann zuliebe, weil er sich das ja schließlich so wünscht und so viel für euch tut. Ja, manchmal kommt der Appetit beim Essen und manchmal merkt man auch erst, wie hungrig man ist, wenn es verführerisch duftet. Aber niemals, wirklich niemals sollte man sich zum Essen oder zum Sex zwingen, wenn man merkt, dass man weder …

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Celsy ist freie Texterin, Journalistin, Dozentin und Gründerin von Eine fixe Idee. Entweder schreibt sie Ratgeber für Kunden, über Familie, Feminismus und Gesellschaftliches oder sie engagiert sich ehrenamtlich und sozialpolitisch. Dabei hat sie immer eine Tasse Kaffee in der Hand. Wie soll man das Leben mit zwei Kleinkindern denn auch sonst überleben?

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