Mehr als nur Haare

Am 18. August 2018 hat mich die Chemo meine Haare gekostet. Für mich ist dieses Datum denkwürdig. Es ist der stärkste Ausdruck dessen, welche Zäsur die Krebserkrankung in meinem Leben darstellt. Wikipedia definiert Zäsur als „ein sich durch eine Wortgrenze ergebender Einschnitt im Vers“ und ich glaube, keine Erklärung könnte schöner, wahrhaftiger sein für das, was die Krebserkrankung in meinem Leben war.

Celsy Dehnert November 2017

Ich hatte Angst vor dem Moment, in dem ich dem Krebs meine Haare opfern musste. Schon bevor die Chemotherapie begonnen hatte, weinte ich um meine Haare, in der Gewissheit, dass ich sie nicht behalten würde. Mein Umfeld reagierte nur mit mäßigem Verständnis, die einen mehr, die anderen weniger. Fast alle Menschen um mich herum jedoch sagten mir, es seien ja nur Haare. Sie würden ja wieder wachsen.

Es sind aber nicht nur Haare. Letztes Jahr dachte ich, ich sei einfach oberflächlich, eitler als ich zugeben wollte. Dem Patriarchat und seinen Schönheitsidealen unterworfen.
Sicherlich bin ich das. Sind wir alle. Aber es waren eben nicht einfach nur Haare. Diese, meine Haarpracht ist Selbstbild und Selbstbestimmung. Es ist die Deutungshoheit über das was ich will, über die, die ich bin. Es ist Kontrolle, es ist Ohnmacht. Der Verlust der Haare ist der Fall ins Bodenlose in dem Wissen, dass du grad nur eines tun kannst: Dich fallen lassen.

Jedes Haar ein Riss in der Illusion

Es sind mehr als nur Haare, sie sind Selbstbestimmung. Selbst und frei zu entscheiden, wie ich aussehe. Ob ich durchschnittlich oder markant wirken will, ob weich oder hart, ob brav oder aufmüpfig. Es ist die freie Wahl über Länge und Farbe, über Mühe oder Achtlosigkeit.

Es sind mehr als nur Haare, sie sind mein Selbstbild. Es ist der Selbsterkennungseffekt im Spiegel – oder das Ausbleiben desselben. Es ist das Gefühl, so auszusehen wie man sich fühlt, die eigene Identität auch nach außen darzustellen.

Es ist mehr als nur ein Haarschnitt. Es ist der Unterschied zwischen krank und gesund. Der Verlust meiner Haare war der Riss in meiner Illusion, dass es so weiterginge wie zuvor, wenn ich nur stark genug daran glaube.

Mit jedem Haar das Vertrauen verlieren

Celsy Dehnert August 2018

Ich habe an so vielen verschiedenen Stellen bereits über meine Haare geschrieben, dass man meinen könnte, in der ganzen Chemotherapie hätte es kein anderes Thema für mich gegeben. Lange war ich selbst davon überzeugt, dass ich einfach so viel eitler sei als ich mir selbst zugestehen konnte.
Heute weiß ich, das ist es nicht. Viel mehr ist der Verlust meiner Haare das stärkste Symbol dessen, was der Krebs mit mir gemacht hat, das ich benennen kann. Es ist das Offensichtlichste, das, was all den Kontrollverlust, was die Zäsur so spürbar, sichtbar, greifbar macht.

Ich wehre mich dagegen, zu behaupten, dass der Krebs mich verändert habe. An anderer Stelle habe ich breit ausgeführt, dass ich dieser heimtückischen Erkrankung keinerlei Sinn zuschreiben kann, dass sie schlicht sinnloses Pech ist.
Ich komme aber nicht umhin, anzuerkennen, dass der Krebs ETWAS verändert hat. In mir.

Mit jedem Büschel Haare, das hinab rieselte, verlor ich das Vertrauen ins Leben. Mit jeder kahlen Stelle mehr zerbrach die Illusion in mir, dass wir unbesiegbar seien.

Was kann ein Mensch nur ertragen?

Gleichzeitig wuchs die Erkenntnis, zu was wir fähig sind, wenn wir keine andere Wahl haben. Ich begann zu begreifen, was ich ertragen konnte, was ich aushalten kann. Aus genau diesem Grund kann ich auch nicht zu meiner alten Haarpracht zurück. So sehr ich diese lange Mähne, den unübersehbaren Ausdruck von weicher Weiblichkeit, den Zopf und all das, was ich damit verbinde, vermisse – ich kann nicht zurück. Denn das Mädchen, das ich sehe, wenn ich mich mit langen, offenen Haaren betrachte, ist Geschichte.

Celsy Dehnert Juli 2019
Juli 2019

Mit der Zäsur setzte eine Art Metamorphose ein. Es klingt so kitschig, so sehr nach all dem, was ich in dem Ductus, dem wir Krebserfahrungen verliehen haben, verabscheue. Aber es ist wahr. Ich habe mehr Mut zu mir selbst. Ich will nicht mehr weich und angepasst und beschwichtigend sein. Viel mehr habe ich Mut zu der harten, durchsetzungsfähigen, unbequemen Version meiner selbst, die sich immer hinter dem durchschnittlichen Kleinmädchen-Haarschnitt versteckte.

Blicke ich heute in den Spiegel, kann ich nicht zurück zu Wallemähne und wippendem Zopf, denn nichts ist mehr wie vorher. Dieser optische Bruch steht so unumstößlich für meine eigene Wahrheit: Es wird nicht mehr so wie es einmal war.

So sehr ich es zu leugnen versuche: Es gibt ein vorher und ein danach. Dazwischen steht der Krebs, das Mahnmal meiner eigenen Sterblichkeit.

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