Meine Kinder sind mein Endgegner

„Es hätte so schön sein können.“ Der wehmütige Gedanke schoss mir durch den Kopf, als wir als Familie an der Weser lang radelten. Wir winkten der Touristenfähre, erfreuten uns an zurückwinkenden Renter*Innen und die Kinder quietschten in ihren Fahrradsitzen vor Begeisterung. Familienidylle pur – aber weit entfernt vom Alltag der vergangenen drei Wochen.

Bilderbuch ist hier nicht

Sommerferien sind offensichtlich mein Endgegner. Oder sind es diese beiden Kleinkinder, zwei unter 3? Heute sind jedenfalls drei Wochen Kita-Schließzeit um und ich schwanke zwischen dem Wunsch mich zu betrinken und dem Verlangen, mit gepackten Koffern alles hinter mir zu lassen.

Ich liebe meine Kinder. Sehr. Aber sie rauben mir den letzten Nerv. Die Ferien bestanden in meinem Kopf mehrheitlich aus lautem Gekreische, jämmerlichen Gejaule, Geschwisterzank und überdrehtem Getobe, bei dem unter Garantie etwas oder jemand zu Bruch geht.

Wir versuchten Dinge zu unternehmen, um den Druck raus zu nehmen und allen genug Auslastung zu bieten, aber unterwegs wird nur gejammert, weil man müde/gelangweilt/mitten in der Autonomiephase ist. Wir bleiben zuhause, um den Druck raus zu nehmen und auf die Wohlfühlzone zu setzen und es wird gewütet, weil einem langweilig ist.

Ich weiß nicht, was ich falsch mache, aber Bilderbuch, aber Instagram ist hier nicht. Entspannt frühstücken, idyllisch wegfahren, erholsam Urlaub machen ist hier nicht.
Es gibt die guten Momente, ja. Der Große und ich haben Kuchen gebacken. Die Kleine und ich haben Duplo gespielt. Wir waren im Wisentgehege und im Dinopark, haben Radtouren unternommen und viele Erinnerungen gesammelt.

Aber: Mein Akku ist leer.

Meine Kinder sind mein Kryptonit

Schon früh hab ich gelernt: Meine Kinder und ich verstehen uns besser, wenn wir uns für mehrere Stunden nicht sehen. Heute ist wieder einer dieser Tage, da fühle ich mich schuldig, weil es so ist.
Muttersein ist für mich der härteste Job, den ich jemals hatte. Immer wieder stelle ich fest – zur Vollzeitmutti bin ich einfach nicht gemacht. Den ganzen Tag mit den Kindern zu verbringen ist mein Kryptonit. Sie sind mir schnell zu laut, zu schrill, zu hektisch, zu anstrengend.

Ich liebe meine Kinder sehr und wir haben viele, tolle, glückliche Momente. Ich freue mich darauf, mit ihnen Zeit zu verbringen und ich plane gerne den Tag mit ihnen. Nur nicht jeden Tag.
Immer dann, wenn länger als zwei Tage keine Kita ist, merke ich, wie sehr ich auf die Hilfe von außen angewiesen bin. Weil mehr als vier, fünf, sechs Stunden mit den beiden Schreihälsen zu viel für meine Wahrnehmung sind. Mir fehlt die Energie, zwei Wirbelwinde wie meine ausdauernd derart zu beschäftigen, dass die Stimmung hier nicht kippt.

Gleichzeitig kann ich mich nicht zweiteilen, damit sie sich getrennt voneinander für sich beschäftigen können. Denn entgegen der völlig idealisierten Vorstellung von Geschwisterplüsch beschäftigen sie sich nicht wohlgesonnen miteinander. Die Realität bei Geschwistern von fast 3 und 1,5 Jahren ist eher die, das einer schreit, weil die andere etwas nicht soll.

Ich habe tiefsten Respekt vor den Eltern, die sich dafür entscheiden, so viel Kindheit wie möglich ohne Betreuungsnetzwerk zu verbringen. Ich kann das einfach nicht. Der Gedanke, so fremdbestimmt zu sein, treibt mir die Tränen in die Augen.

Ich bereue meine Kinder nicht

Ich bereue meine Kinder nicht. Auch meine Mutterschaft nicht. Aber ich weiß nicht, ob ich mich noch einmal für dieses Leben, in genau dieser Version, entscheiden würde.

Das nieder zu schreiben klingt übel. Ich sehe schon die Kommentare, höre die Gedanken.

Was für eine Mutter!?

Wie kann sie nur?!

Andere kämpfen jahrelang für ihr Wunschkind und sie würde das so vielleicht nicht nochmal machen! Menschen wie sie sollten keine Kinder bekommen!

Die Wahrheit ist: Wir sollten tatsächlich keine eigenen Kinder bekommen. Erik ist das Ergebnis von fünfeinhalb Jahren Kinderwunschkampf, inklusive Behandlung in der Kinderwunschklinik. Nova ist entsprechend ein Wunder, weil sie völlig ungeplant und ohne Medikamente zu uns kam.

Deshalb sage ich nochmal ganz deutlich: Ich bereue meine Kinder nicht. Ich liebe sie.

Dennoch fühlt sich dieses Leben manchmal an wie eine Jacke, die nicht richtig passt. Zu eng, zu klein, immer wieder zieht und zwickt es unangenehm.

Ich weiß nicht, was ich ändern würde. Keine Kinder zu bekommen fühlte sich für mich immer so falsch an. Ich möchte sie auch nicht missen. Unter Berücksichtigung des letzten Jahres ergibt auch der geringe Altersabstand mehr als nur einen Sinn. Aber: Der Zweifel bleibt.

Eine Mutter wie mich sieht das System nicht vor

Ohne Frage ist auch meine Vorstellung von Familie und Mutterschaft eingefärbt von den patriarchalen Strukturen, Werten und Normen, in denen wir uns bewegen. Dass eine Mutter froh sein könnte, dass die Kita wieder losgeht und ihre Kinder die Hälfte des Tages in der Obhut anderer Menschen sind, kommt in diesem System nicht vor.

Fakt ist: Ich bin’s.

Mir ist bewusst, wie anstrengend und herausfordernd solch ein Tag in der Krippe oder im Kindergarten für meine Kinder ist. Für die Kids ist das genauso ein Job wie meiner für mich – nur, dass ich sogar für mich allein arbeiten darf.

Nach drei Wochen, in denen wir unsere Kinder weitestgehend selbst und allein betreut haben, bin ich emotional ausgebrannt. Statt Erholung und Glück haben mich die Sommerferien, hat mich meine Sommerpause an den Rande des Nervenzusammenbruchs gebracht.

Unsere Gefühle sind auch Realität

Das ist wieder einer dieser Texte, die mich sehr nackig machen. Viele von euch klugen, sicherheitsbewussten Menschen würden mich jetzt in den Arm nehmen und mir dann davon abraten, solch einen Text jemals wieder zu veröffentlichen.

Ich tu’s trotzdem. Weil ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Da draußen sind noch so viele Mütter, die so sind wie ich: Ihr liebt eure Kinder mehr als alles andere auf der Welt, aber ihr ertragt es nicht, jeden Tag rund um die Uhr fremdbestimmt zu sein.

Ich sage euch: Das ist ok. Ihr seid ok.

Mutterschaft ist nicht die idyllische Instagramschablone aus durchgestylten Kinderzimmern und Kaffee-Selfies auf dem Spielplatz.

Mutterschaft ist ein verdammt harter Job und zu fühlen, wie wir fühlen, ist eben auch die Realität.

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2 thoughts on “Meine Kinder sind mein Endgegner

  1. Liebe Celsy! Was stellst Du den auch für Ansprüche an Dich und Dein Muttersein? Wo steht denn, dass man seine Kinder rund um die Uhr toll finden muss? Du liebst Deine Kinder, Du gibst Ihnen Geborgenheit und Versorgst sie, sie haben durch Dich einen Anker im Leben, einen Platz, von dem aus sie ausprobieren und sich entwicklen können, immer in der Sicherheit, dass Du sie liebst und wenn es darauf ankommt für sie da bist. „Darauf an“ kommt es aber nicht 7/24. Darauf an kommt es überraschend und unregelmäßig. Was deinen Kindern aus ihrer Kindheit bleiben wird, ist die Erfahrung, dass man sich auf die Eltern 100 % verlassen kann. Und etwas später, dass Eltern mit dem Herzen immer dabei, aber nicht immer anwesend sind.
    Ich denke, jede von uns hat irgendwann dieses „Mutter-Common-out“. Ich erinnere mich an meines und denke oft daran zurück:
    Meine älteste Tochter war ein ganz, ganz furchtbares Baby. Da ist in mir ein Mensch entstanden, der schon sehr früh ganz genau gewusst hat, was sie will. ;-D. Und ich hab es nicht verstehen können… Das Ergebnis war ein fast 3 Jahre andauernder Kampf an jedem Abend, der mit langem Geschrei (Ohrstöpsel!) und am Ende mit dem vor Schreinen sich übergebenden Kind geendet hat. Tipp von erfahrenen Eltern-Freunde: es reicht, wenn sich einer diesen Horror antut, der andere geht solange weg, Ich war mit den nerven oft am Ende. Dann machte eine Schlagzeile die Runde, die alle sehr betroffen gemacht hat. Ein Mutter hatte ihr schreiendes Kind aus dem Fenster geworfen! Und neben dem Entsetzen, dass ich natürlich auch gefühlt habe, gab es in mir auch noch ein zweites Gefühl- Verständnis, wie es so weit kommen konnte.
    Das Gute daran war, dass ich in diesem Moment gewusst habe, dass es diese Momenete gibt und man alles darfür tun muss, dass sie nicht entstehen. Danach habe ich mich lebenslang entspannt. Noch einige weitere Kinder zerren seitdem an meinen Nerven und ich hab mich manchmal schreien und drohen hören. Der Alltag mit kleinen Kindern ist unglaublich anstrengend. Aber ich hab immer die Kurve bekommen und mir immer Pausen genommen. Krippe, Kita, Schule, Kinderfrau… sie sind gut für die Kinder. Und gut für mich. Trotz Fremdbetreuung haben sich meine Kinder zu ganz normalen Menschen entwickelt. Und ich habe etwas sehr wichtiges gelernt. Kinder zu haben ist kein JOB. Es ist Teil des Lebens, eine lange, lange Aufgabe, die mit immer neuen Herausforderungen täglich wartet. Mutter zu sein ist nichts, was Du erledigst- Du bist es.
    Ich wünsche Dir, liebe Celsy, dass Du es schaffst, Deine Ansprüche zurückzuschrauben, Deine Kinder werden Dir nicht nachtragen, dass sie in der Kita Sachen machen konnten, zu denen Du zuhause weder Zeit noch Lust hattest. Und zu denen die Lust sich auch nicht hormonbedingt in den Schwangerschaften entwickelt. Ich hasse basteln. Daran haben sechs Kinder nichts geändert! 😉

    1. Liebe Barbara,
      ich danke dir für diese liebevollen, ermutigenden Worte und für deine Offenheit. Das macht Mut, nicht zu verzweifeln, sondern nach Wegen zu finden, wie wir hier alle am Ende unbeschadet durch die Kleinkindphase kommen. 🙂
      Liebe Grüße,
      Celsy

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