Fuck off! Mein Krebs ist nicht romantisch.

Glaube ich Film, Fernsehen und dem Literaturbetrieb, dann hätte das letzte Jahr der Auftakt zu etwas ganz Großem werden müssen. Immerhin ist sie uns allen bekannt, diese Storyline vom schwer erkrankten Menschen, der durch die Hölle geht, etwas unfassbar Wichtiges lernt, seine Krankheit besiegt und im Anschluss Tausende von Menschen zu einem besseren Leben inspiriert. Es scheint, als könne man Krankheit und Sterben weder erfahren noch thematisieren, wenn es nicht moralisiert mit einem spirituellen Auftrag einhergeht.

Besonders beliebtes Motiv für die Lektion, das Schöne im Leben zu schätzen und sich doch auf die wesentlichen Dinge zu besinnen, ist die Krebserkrankung. Gesehen haben wir sie doch alle: Von „PS. Ich liebe dich“ über „Beim Leben meiner Schwester“ bis „Nur mit dir – A walk to remember“ hat Hollywood eine Reihe herzzerreißend romantischer, bedeutungsschwangerer Filme über Krebskranke und ihre romantischen oder familiären Beziehungen herausgebracht. Eins haben sie alle gemeinsam: Die Krankheits- und Leidensgeschichte ist so romantisch wie lehrreich und in jedem Fall erleuchtend für Protagonist*innen und Zuschauer*innen.

Vorsicht, Truthbomb: Krebs ist nicht romantisch. Manchmal ist Krebs einfach eine bescheidene Laune der Natur, die dich auch dann überfällt, wenn du eigentlich viel zu jung dafür bist, zwei kleine Kinder hast und gerade dabei warst, 1000 Pläne zu machen.

Ein Essay dazu, warum ich es satt habe, dass mir immer alle erzählen, meine Erkrankung hätte irgendeinen Sinn.

Meine Krebserkrankung ist sinnloses Pech

Es war vergangene Woche eine sehr kluge Userin auf Instagram, die meine innere Wahrheit auf den Punkt brachte. Dr. Friederike Gerstenberg, ihres Zeichens studierte Psychologin und systemische Therapeutin, schrieb:

„Ich mache mich jetzt gewiss nicht besonders beliebt, aber es gibt sie. Die Kategorie des sinnlosen Pechs. Es gibt sie, die Kategorie, in der etwas gottserbärmliches passiert und dieses gottserbärmliche erbarmt keinen Gott und macht keinen Sinn. 
Ich finde es abartig, Menschen, denen etwas Unfassbares widerfährt von außen auch noch mit Antworten auf das „Warum“ oder das „Wozu“ zu konfrontieren. Diese Fragen kommen ganz von selbst und auf diese Fragen gibt es manchmal keine, überhaupt keine Antwort. Es ist sinnloses Pech.“

Dr. Friederike Gerstenberg auf Instagram

Als ich diese Zeilen las, habe ich geweint, weil es so verdammt wahr ist. Monatelang trug ich diese Wahrheit in mir herum und dachte dennoch, sie sei falsch. Weil mir ständig und ungebetener Weise esoterisch angehauchte Menschen erzählen wollten, dass alles im Leben einen Sinn hätte. Man sagte, schrieb und vermittelte mir, dass alles im Leben einem höheren Zweck diene und mich dahin bringen würde, wo ich sein sollte. Man verkaufte es mir so plausibel und dennoch war es so falsch.

Film, Literatur und nicht zuletzt Social Media vermitteln uns fortwährend, dass es für alles einen „Greater Cause“ gäbe. Der gesamte Berufszweig der selbsternannten Life Coaches fußt darauf, dass das Universum unser Freund sei und alles, was in unserem Leben kommt, uns etwas Wertvolles lehren solle. Mit der immer gleichen Rezeption von Schicksalsschlägen generieren Film, Fernsehen, Coaches und Verlage nicht nur Milliardenumsätze, sondern sie erzeugen auch eine Erwartungshaltung, der kaum zu entkommen ist: Das, was dir widerfährt, soll dich etwas lehren.

Die Aussage „Das, was noch kommt, soll dich lehren“, diese Überzeugung, dass jedes Leid einer wichtigen Lektion dient, fußt auf diesem religiösen Ordnungssystem, das sich auch die Esoterik zu eigen gemacht hat. Es ist der Versuch, das Geschehen des eigenen Lebens in einen Rahmen zu bringen, der den Menschen selbst wieder ermächtigt. Indem ich es erkläre, habe ich es unter Kontrolle. Es ist die Verleugnung dessen, dass manche Dinge einfach nur passieren, weil sie eben passieren.

Das Problem bei manchen Dingen ist: There’s no greater cause. Manchmal ist es eben scheiße. Mein Krebs war keine spirituelle Lektion. Er war sinnloses Pech.

Thanks and fuck off – mein Krebs lehrt mich nichts

Meine Wahrheit ist: Nachdem du wochenlang nur funktioniert hast, dich durch die Chemo gekämpft hast, auf das entscheidende Aha-Erlebnis gewartet hast, stellst du fest – es verändert dich nicht. Krebs zu haben macht keinen Spaß. Krebskrank zu sein ist nicht romantisch und es muss dich beileibe nicht erleuchten. Es braucht keinen Schicksalsschlag, um die wichtigen Entscheidungen für dein Leben bereits getroffen zu haben. Bis hierher hat der Krebs mir keine entscheidende Lektion erteilt. Es gab keine Erleuchtung und keinen Aha-Effekt. Ich bin ein bisschen strukturierter, ein bisschen weniger impulsiv und gleichzeitig vielleicht so zynisch wie noch nie.

Ich verstehe die Intention derer, die allem im Leben einen höheren Sinn zuschreiben wollen. Die Dinge in einen Kontext zu setzen, Ursache und Wirkung zu bestimmen, Lektionen abzuleiten, ist auch immer ein Werkzeug, sich die Kontrolle zurück zu holen.

Einen Sinn in dem Geschehen zu suchen, kann auch durchaus eine legitime Strategie sein, zu ertragen, was eigentlich nicht zu ertragen ist. Diese Willkür, mit der uns schwere Schicksalsschläge treffen, ist nicht auszuhalten.
Wenn Betroffene selbst einen Sinn in dem suchen oder finden, was ihnen widerfährt, bin ich die letzte, die das verurteilt. Jede*r Betroffene sollte die absolute Deutungshoheit über sein*ihr Leben behalten und meine Erfahrung ist absolut nicht allgemeingültig.

Aber ich habe ein Problem damit, wenn Außenstehende soweit gehen, dem Leid anderer eine moralische, erleuchtende, klärende Komponente zuschreiben zu wollen. Die Ansicht, dass Schicksalsschläge Lektionen für ihr Leben seien, negiert das Leid derer, die sie erleben. Ich mein, mal ernsthaft: Wie fühlt sich eine Krebspatientin wohl, wenn man ihr erklärt, dass das Universum ihr Freund sei und das, was da kommt, sie bloß etwas lehren wolle? Die Message, die dabei vermittelt wird, kann auch folgende sein: „Stell dich nicht so an, sondern sei dankbar für die Erleuchtung!“.

Dazu kann ich nur sagen: Thanks and fuck off! Meine Wahrheit ist nämlich: Selbst mit 28 wird Krebs nicht zwangsläufig zu dem alles verändernden Ereignis, das dich absolut neu und anders zurücklässt und dich auf den Pfad in ein besseres Leben führt. Alles, was ich für die Zeit nach dem Krebs habe, will und brauche, ist bereits in mir. Die wichtigen Entscheidungen für mein Leben habe ich bereits getroffen, weil mir mein Leben vorher schon nicht egal war.

Meine Krebserkrankung war nicht der Auftakt zu etwas ganz Großem, weil mein Leben bereits vorher etwas ganz Großes war. Voll mit meiner großartigen Familie, einem fabelhaften Mann, wunderbaren Kindern, fantastischen Freund*innen. Ich hatte schon vorher eine Selbstständigkeit, die mich erfüllt, ein Zuhause und mehrere Herzensanliegen. Auch meine Stärke, der sich immer durchsetzende Sturkopf, der unendliche Wille, immer einen Weg zu finden, war schon vor der Krebserkrankung meiner.

Was auch immer dir gerade widerfährt: Es ist ok, wenn du den Sinn nicht siehst. Manchmal ist das, was uns passiert, einfach nur scheiße. Wichtig ist nur, selbst zu entscheiden, wie es weitergeht.

3 thoughts on “Fuck off! Mein Krebs ist nicht romantisch.

  1. Ein wunderbarer Artikel, der es absolut auf den Punkt bringt!

    Auch ich sehe keinen Sinn in meiner Krebserkrankung.
    Ganz im Gegenteil: diese Krankheit zerrt an meinen Kräften wie nichts zuvor!

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