Sensibel sein, politisch bleiben

Es ist ein Sommer, der in Erinnerung bleiben wird – statt mit Fußball, Grillfleisch und nackter Haut sind die Timelines der sozialen Netzwerke gefüllt mit Artikeln zu rassistischen Strukturen in der Polizeiarbeit, mit Black Lives Matter, mit dem Aufschrei über die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie und mit der ständig wiederkehrenden Frage, wie viel Solidarität unsere Gesellschaft eigentlich trägt.

Für Betroffene, Marginalisierte, politisch Interessierte ist keins dieser Themen wirklich neu. Doch dank Corona fallen viele Coping Mechanismen, mit denen unsere Gesellschaft sonst so spielend über ihre Missstände hinweg geht, einfach weg. 2020 ist das Jahr, in dem wir entweder politisch oder einfach ignorant sind. Wer sich nicht gegen die Missstände ausspricht, steht auf der Seite der Unterdrücker.

Doch so einfach, wie das klingt, ist es nicht. Gerade sensible bis hochsensible Menschen kommen mit der Flut der Nachrichten, mit dem Ausmaß an Ungerechtigkeit nur schwer zurecht. Mir selbst schnürt es jedes Mal die Kehle zu, wenn davon die Rede ist, dass in Moria Kinder und Erwachsene verhungern. Wie viel einfacher wäre es doch, über das, was ich nicht sehe, einfach hinweg zu gehen?

Sensibilität erschwert politisches Engagement

Es wäre aber auch so verdammt privilegiert. Das ist auch die gemeinsame Grundannahme für das Folgende: Viele der hier beschriebenen Strategien sind privilegiert, weil sie voraussetzen, dem Problem für kurze Zeit entrinnen zu können. Allerdings können das nicht alle. People of Colour entkommen dem Rassismus nicht. Arme Menschen werden nicht plötzlich reicher. Gewaltbetroffene sind nicht weniger traumatisiert.

Das Problem: Gerade die, die mit Ungerechtigkeit am schlechtesten leben können, ziehen sich aus Überforderung oft komplett zurück. Weil der online stattfindende Aktivismus einen Absolutheitsanspruch erhebt, weichen die zurück, die nur begrenzte Kapazitäten haben. Dabei müssen wir uns doch aber eines klar machen: Jede Stimme zählt. Jeder Tropfen auf dem heißen Stein und sei er noch so klein. Es ist mir lieber, jemand engagiert sich nur zu einem winzig kleinen Teil als dass er sich gar nicht erst bemüht.

Deshalb, weil ich weiß, dass hier viele sind, die politisch sein wollen, aber auch ebenso sensibel sind, ein paar Tipps, wie ihr sensibel sein, aber politisch bleiben könnt.

Du kannst nicht die ganze Welt retten…

…aber jeden Tag eine winzig kleine. Sinngemäß habe ich das vor einigen Wochen zu einem guten Freund gesagt. Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir alle Missstände dieser Welt auf einen Streich beenden werden. An diesem Vorhaben sind schon ganz andere, wesentlich Einflussreichere gescheitert.

Aber was wir tun können, ist jeden Tag eine eigene kleine Welt ein Stückchen besser machen. Bei der von Rassismus betroffenen Nachbarin nebenan vorbei schauen und sie fragen, wie es ihr geht. Der alleinerziehenden Mutter aus dem Bekanntenkreis einen Kaffee spendieren und die Kids für zwei Stunden beschäftigen. Dem chronisch kranken Freund beim Ausfüllen von Anträgen helfen.

Es sind die kleinen, oft unscheinbaren Gesten, die die Welt mit jedem Tag ein bisschen besser machen. Dafür braucht es keine Demos, keine aktivistischen Kampfesreden, kein lautes, öffentliches Bekenntnis. Es sind die Taten, die zählen.

Im Alltag Rückgrat zeigen

Neulich berichtete mir eine Freundin, wie sie ihrer Kollegin erst einmal in die Parade gefahren sei, als diese in einer Erzählung zahlreiche rassistische Klischees reproduzierte. Besagte Kollegin redete sich darauf hinaus, dass sie ja nur Gesagtes wiedergebe. Aber meine Freundin zeigte klare Kante und spiegelte, wie abscheulich das Gesagte eben war.

Diese Momente sind es, die so viel mehr zählen als schwarze Kacheln in der Instagram-Timeline. Gesagtes nicht einfach stehen zu lassen, sondern gegen zu halten, selbst wenn das Gespräch davon nicht angenehmer wird. Klar, auch diese Gespräche kosten Kraft – aber sie sind weitaus überschaubarer als die schier unendlichen Diskussionen, die man in sozialen Netzwerken so führt.

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Pick your battles wisely

Womit wir wohl zum wichtigsten Tipp aller Zeiten für politisches Engagement kommen: Wähle deine Kämpfe weise.

Was bedeutet das? Nicht überall, wo ein Missstand deutlich wird, musst du dich mit vollem Einsatz in die Schlacht werfen. Das eigene Gerechtigkeitsempfinden ist immer schnell dabei, zu sagen: „Das kannst du doch nicht so stehen lassen!“ Aber manchmal, mein Herz, solltest du das.

Wir alle haben diesen Onkel/Opa/Bruder/Anverwandten xten Grades, der Familienfeiern mit zielsicherer Wahrscheinlichkeit dazu nutzt, seine Schwurbel-Eso-Aluhut-Theorien an den Menschen zu bringen. Jede noch so geduldige Erklärung der tatsächlichen Fakten überzeugt ihn nur mehr davon, dass wir alle total gehirngewaschene Lemminge der Pharma-Industrie sind. Es besteht schlicht keine Bereitschaft zum Diskurs, sondern Meinung wiegt schwerer als Ahnung.

Es ist ok, solche Fälle einfach auflaufen zu lassen. Gar nicht zu diskutieren, sondern das Thema zu wechseln. Oder den Sitzplatz. Ab einem gewissen Maß an Beratungsresistenz kostet uns das Gespräch nur noch Kraft und bringt keinen überraschenden Plot-Twist mehr.

Dasselbe gilt für Diskussionen in den sozialen Netzwerken, by the way. Auch hier sind die Troll-Scharen schneller zusammengerottet als du „Troll“ sagen kannst. Gerade Verschwörungstheoretiker und Antifeministen verfügen über Netzwerke, in denen sie einander zum Kommentieren auffordern. Gerät man in diesen Strudel einmal herein, ist es völlig ok, die Benachrichtigungen abzustellen und sich auszuloggen. So sehr unser idealistisches Herz das glauben möchte: Kein Argument der Welt wird sie überzeugen.

Ebenso in Ordnung ist es, Dinge an Menschen abzutreten, die qualifizierter oder im entsprechenden Thema fitter sind. Ich halte mich beispielsweise aus Nachhaltigkeitsdiskussionen fern und bespiele das Thema im Rahmen meines politischen Engagements auch nicht. Es gibt so tolle Menschen, die wesentlich mehr Ahnung von der entsprechenden Thematik haben und dieselbe Diskussion wesentlich einfacher führen können als ich. Deshalb belasse ich es oft bei einem Verweis auf ebendiese Menschen und gehe dann weiter. Einfach, weil ich so meine Kräfte für die Kämpfe spare, die ich selbst besser ausfechten kann.

Rückzug ist keine Kapitulation

So viele Kriegsmetaphern heute. 😀

Aber dieser Punkt ist mir besonders wichtig: Es ist vollkommen okay, sich hin und wieder zurück zu ziehen und sich um dich selbst zu kümmern. Es ist keine Kapitulation und auch nicht heuchlerisch, dich hin und wieder auf dich selbst zu konzentrieren. Die Anti-Rassismus-Trainerin Tupoka Ogette sagt das auf Instagram immer wieder so schön: „You can’t pour from an empty vessel“. Du kannst aus einem leeren Gefäß nichts ausschenken.

Politisch sein, sich politisch zu engagieren kostet Kraft. Nicht nur Zeit und Nerven, sondern auch Kraft. Darum ist es umso wichtiger, hin und wieder auf die Bremse zu treten. Sich überall auszuloggen, keine Termine anzunehmen, das Handy auszuschalten.

Mir hilft es, anderweitig kreativ zu werden. Nähen ist neuerdings mein Yoga – wenn ich ein paar Nähte aneinander gefügt habe, ein neues Kleidungsstück geschaffen habe, dann bin ich so zufrieden, so ausgeglichen und voller Freude, dass ich mit ganz neuer Kraft an die kommenden Tage herangehe. Alternativ sind natürlich auch immer Serien-Binging, Abende mit Freund*innen oder ein gutes Buch zu empfehlen.

Was auch immer dich glücklich macht – gönn es dir ab und an. Damit du dann, wenn es darauf ankommt, politisch oder gesellschaftlich wieder voll da sein kannst.

Bleib politisch!

Gerade, als die Welle zu Black Lives Matter sehr hoch durch die sozialen Netzwerke schlug, las ich bei einigen privilegierteren, weißen Frauen, dass ihre Kapazitäten nur begrenzt seien. Dass sie diesem Druck, sich positionieren zu müssen, politisch zu sein, nicht standhalten würden. Dass sie sich auch nicht länger dafür rechtfertigen würden, aus ihrer Hochsensibilität heraus keine politische Stellung zu beziehen, weil sie die Kämpfe dahinter nicht aushalten würden.

Das ist alles legitim. Aber auch verdammt privilegiert. Denn diejenigen, die unter den politischen Missständen leiden – People of Color, Frauen in Gewaltbeziehungen, prekär Beschäftigte etc. – sind teilweise auch hochsensibel. Aber sie müssen politisch sein, sie müssen die Kämpfe aushalten, weil es um ihr Leben geht.

Deshalb will ich zwei Dinge festhalten: Als sensibler Menschen musst und darfst du auf dich aufpassen. Aber es darf kein Argument dafür sein, dich politisch nicht zu äußern.

Die Forderung klingt hart. Ich formuliere es noch einmal anders: Bitte bleib politisch. Und hol dir gegebenenfalls Unterstützung. Verweise auf Accounts von Leuten, von denen du weißt, dass sie politische Bildungsarbeit machen. Schreib Freund*innen, wenn eine politische Diskussion in den Kommentarspalten aus dem Ruder gerät und hol dir dort Rückendeckung.

Aber bitte, bitte, bitte hör nicht auf, politisch zu sein. Wir brauchen dich.

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