Die Sache mit den Herausforderungen

Social Media macht uns glauben, dass es eine Abkürzung zum Glück gäbe. „Tap to clean“, „Skip to the good part“ – wir sehen online fancy Vorher-Nachher-Szenarien, aber nie den Struggle mittendrin. Dabei gehören Herausforderungen doch zum Leben dazu und können uns auch etwas über uns selbst erzählen.

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Die Düne im Titelbild ist der Inbegriff dessen, dass Vieles im Leben (oder in meinem Leben) erst einmal schwer und anstrengend ist, bevor es richtig schön wird. Denn diese Düne mussten wir in Dänemark jedes Mal hochklettern, bevor wir auf der anderen Seite das Meer bestaunen konnten. Jedes Mal, bevor ich endlich an dem Ort war, der mir am meisten Klarheit und Entspannung bringt, musste ich meinen dicken Körper mit brennenden Oberschenkeln diese Anhöhe hinaufwuchten. (Ihr dürft jetzt kichern. Ist erlaubt.)

Social Media macht uns mittlerweile glauben, dass alles leicht sein könne – weil wir immer nur die schönen Dinge und Sonnenseiten anderer Menschen sehen. Es entsteht der Eindruck, es gäbe Abkürzungen zum Glück, weil uns nach wie vor nur wenige an ihrem Struggle und ihren Herausforderungen teilhaben lassen, weil so wenige Menschen zeigen, wie sie sich mitten durch das Chaos und die Fails kämpfen, sondern wir überall immer nur die Erfolgserlebnisse sehen. Mehr noch: Weil wir immer nur die Erfolgserlebnisse sehen, aber nicht, wie die Menschen sich dorthin durchgekämpft haben, glauben wir, wir würden etwas falsch machen, wenn gerade alles schwer und kompliziert und messy ist.

Dabei ist die Wahrheit doch: Die meisten Dinge im Leben sind erst einmal furchtbar messy und anstrengend und nervenraubend und schwierig, bevor das Gute am Ende dabei herauskommt.

Therapeutisches Streichen – Herausforderungen bewältigen

Meine Küche war eine solche Lektion, die mich daran erinnert hat, dass es so etwas wie Abkürzungen zum Erfolgserlebnis nur selten gibt. Als wir mitten auf der Baustelle standen, sich die Arbeiten wieder einmal verzögerten, als alles voller Staub und Farbe war, habe ich mit jeder Faser meines Körpers daran gezweifelt, ob das wirklich eine gute Idee war. Zwischendurch war ich sogar kurz davor, aufzugeben und alles einfach so zu lassen, wie es in dem Moment war. Meine Co-Working-Ladies können bezeugen, wie ich so manches Mal verzweifelt oder mit schrägem Humor über unsere Küche gesprochen habe.

Auf Instagram sehen wir immer nur die fancy Vorher-Nachher-Bilder. Aus alt und schäbig wird schön und glänzend neu. Der ganze Struggle, der dazwischen liegt, bekommt selten einen Platz. So entsteht der Eindruck, Herausforderungen würden sich von allein erledigen. Es seien nur wenige Tage konzentrierter Arbeit nötig und alles würde wie ein Puzzle zueinander finden.

Wie man schimpfend, mit Farbe bekleckert und völlig frustriert auf der Baustelle steht, zeigt ja auch freiwillig niemand. Nicht einmal ich habe euch das gezeigt. Aber diese Momente gehören dazu.

Good things come to those…

Als wir 2014 nach Hamburg gezogen sind, hatte ich ein Poster über meinem Agentur-Schreibtisch hängen, auf dem stand: „Good things come to those who work their asses off“. Natürlich ist das so etwas wie die neoliberale Beschwörungsformel, die dich darauf einschwört, dass du alles schaffen kannst, wenn du dich nur genug anstrengst. Natürlich ist das Quatsch. Wir alle wissen genug darüber, wie sehr Herkunft und Ressourcen den persönlichen (Bildungs- und Karriere-) Erfolg beeinflussen.

Ich mag den Satz trotzdem. Einfach, weil er schlussendlich trotzdem zusammenfasst, was ich in meiner eigenen Küche erlebt habe: Die meisten Sachen bzw. Herausforderungen sind erst einmal bescheiden anstrengend und messy und brauchen unfassbar viel Kraft – aber dann werden sie eben auch schön.

Meine Küche ist einfach der beste Beweis dafür. Was habe ich geschimpft, geschwitzt, gestrichen, Muskelkater massiert, Farbe aus Haaren und von Böden gekratzt und geglaubt, dass es einfach nie aufhört. Und heute? LIEBE LIEBE LIEBE ich meine Küche, weil sie SO unfassbar schön geworden ist. (Sie ist im Grunde noch nicht ganz fertig, aber über Prozesse und Ankommen reden wir ein anderes Mal.)

Diese Küche wäre niemals so schön geworden, hätten wir uns diesen Struggle nicht angetan. Es machen zu lassen konnten wir uns nicht leisten. Die Alternative zu all dem Stress und der Arbeit wäre gewesen, dass alles so bleibt wie es ist. Aber das kam halt auch nicht mehr in Frage. Also habe ich mich auf all das Schwere und Anstrengende eingelassen.

Wir mussten uns durch diesen Struggle durcharbeiten, um uns an dieser Küche (wieder) erfreuen zu können. Es gab keinen Button, den wir drücken konnten, keine Abkürzung, die man hätte nehmen können und auch keinen reichen Daddy, der die Herausforderungen hätte mit Geld bewerfen können. Dafür sind wir jedes Mal wieder stolz, wenn wir bewusst wahrnehmen, WIE schön diese Küche ist.

Eine Frage der Wertschätzung

Es ist also völlig normal, wenn du gerade vor einer Situation stehst, mit der du total struggelst und bei der du dich fragst, warum ausgerechnet dir das gerade alles so schwer fällt. Die Wahrheit ist: Es fällt allen anderen genauso schwer. Schlicht, weil es der Ausnahmefall ist, dass Sachen uns einfach in den Schoß fallen.

Ob ich nun erst einmal brennende Oberschenkel und einen knallroten Kopf in Kauf nehme, um mich selbst über die Düne zu wuchten und endlich an meinem Happy Place anzukommen oder ob ich über Wochen hinweg mit Staub, Dreck, Chaos und Farbe kämpfe, um am Ende in meiner Traumküche zu stehen – am Ende ist fast alles im Leben erst einmal schwierig, bevor es gut wird.

Ich persönlich glaube aber auch, dass das manchmal ganz gut ist. Während ich das Meer wahrscheinlich nie genug wertschätzen könnte, wäre das bei meiner Küche wohl anders, wenn sie jemand anderes für mich hergerichtet hätte. Die Freude und der Stolz wären wahrscheinlich recht schnell wieder verflogen. So allerdings stehe ich immer noch regelmäßig dort, bewundere die Schränke, die schöne Wandfarbe und all den Platz, der plötzlich da ist.

Gleichzeitig glaube ich, dass diese Situationen, die sich erst einmal schwer und hart anfühlen, genauso prägend für unser Selbstbild sein können. Denn sie führen uns vor Augen, wozu wir eigentlich in der Lage sind. Was wir schaffen können, wenn wir wollen oder müssen. Sie zeigen uns, dass es eben nicht nur unsere Schwächen und Niederlagen gibt, sondern dass wir genauso eine ganze Palette an Stärken und Erfolgen vorweisen können.

Es lohnt sich, immer mal wieder in der Retrospektive auf die Momente zurückzuschauen, die schwierig und anstrengend waren. Denn sie erzählen uns eine Geschichte dazu, was wir zu leisten im Stande sind, wenn wir eigentlich dachten, es geht nicht mehr.

Du kannst das.

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Celsy ist freie Texterin, Journalistin, Dozentin und Gründerin von Eine fixe Idee. Entweder schreibt sie Ratgeber für Kunden, über Familie, Feminismus und Gesellschaftliches oder sie engagiert sich ehrenamtlich und sozialpolitisch. Dabei hat sie immer eine Tasse Kaffee in der Hand. Wie soll man das Leben mit zwei Kleinkindern denn auch sonst überleben?

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