Erschöpftes Leben

Ich fühle mich hilflos. Es ist eine riesige Ohnmacht, die sich in mir ausbreitet und die mich schier zu erdrücken droht. Mein Körper hat die Reißleine gezogen und die Erschöpfung übermächtig werden lassen. Doch statt mir Erholung zuzugestehen fühle ich mich als ob ich sie alle im Stich gelassen hätte.

Mich zu schwach zu fühlen um den Alltag zu bewältigen oder auch nur einen Vormittag lang ohne Schlaf durchzuhalten, verursacht in mir das Gefühl der Hilflosigkeit. Ich will – aber ich kann nicht. Es ist das ewige Paradoxon, in dem ich seit dem Ende meiner Chemotherapie gefangen bin: Mein Leben scheint das alte, aber nichts wird jemals wieder so sein wie es war. Statt anzuerkennen, was ich erdulden musste und den Preis dafür bereitwillig zu zahlen, versuche ich zu funktionieren. Es ist das, was wir uns gegenseitig beibringen: Wer den Krebs überlebt, die ist doch gesund.

Unsichtbares Leiden

Diese immer wiederkehrende Erzählstruktur, nach der Krebsüberlebende gestärkt und voller Kraft in ihr Leben nach der Krankheit gehen, macht mürbe. Für viele Überlebende ist klar, dass so viel daran falsch ist – und doch spielen wir es mit, das Spiel derer, die sich nicht beklagen dürfen. Eine Demut vor dem Leben, eine Rückschläge überragende Weisheit und unerschütterliche Geduld, diese Dinge tragen Krebsüberlebende, die uns Film und Fernsehen präsentieren, in sich. Diese Geschichten sind es, die Buchverlage und Fernsehshows präsentieren, die in Talkrunden bejubelt und in Reportagen verewigt werden. Es gibt sie. Aber wie wahr und wie repräsentativ sind sie wirklich?

Auch mein Erleben ist nur anekdotische Evidenz und doch etwas, das sich im Gespräch mit anderen Überlebenden immer wieder bestätigt. Es sind die Schmerzen am Morgen, wenn der Wetterumschwung in Gelenke und Narben fährt. Die Erschöpfung am Nachmittag, wenn selbst simple Tätigkeiten die eigene Ausdauer völlig überfordern. Da ist die Melancholie am Abend, wenn der Lärm des Alltags das leise Flüstern des Schreckens nicht mehr übertönen kann.

Es gibt nichts Glamouröses an diesem, meinem Leben nach dem Krebs. Da ist vor allem Erschöpfung. Diese chronische Müdigkeit, die auch nach zwölf Stunden Schlaf nicht vergehen will und Phasen großer Motivation mit wochenlanger Erholung straft. Meinen Willen, meinen Träumen hinterher zu jagen, zu schreiben, was mir auf den Nägeln brennt und ein Heim zu gestalten, das uns allen ein Zuhause ist, bezahle ich mit einer Schwäche, die sich mit Worten nicht beschreiben lässt.

Diese Schwäche sieht man nicht. Man fühlt sie nur. Es ist die Gewissheit direkt nach dem Aufstehen, die sagt: “Ich schaffe das alles heute nicht”. Das Bedürfnis grundlos zu weinen nach einem sonst so alltäglichen Mittagessen. 

Diese Schwäche sabotiert großartige Wochenendpläne und lang versprochene Ausflüge ohne große Vorankündigung. Sie springt mich hinterrücks an und stellt mich kalt. Dauer ungewiss.

Die halbe Wahrheit

Was ich mir wünsche ist ein ehrlicherer Umgang mit uns chronisch Kranken. Ich will keine Erfolgsstories mit Headlines in denen steht: “Sie hat gegen den Krebs gesiegt”. Diese Berichte erzählen nur die halbe Wahrheit. Tumorfrei heißt nicht gesund. Auch nach fünf Jahren Heilungsbewährung nicht. Tumorfrei heißt, die akute Erkrankung ist gebannt. Aber eine gewisse Krankheit, die bleibt eventuell. Ob es die Lymphödeme sind, die chronische Chemomüdigkeit, eine andauernde Immunschwäche, künstliche Darmausgänge, Prothesen – viele von uns sind gezeichnet bis an ihr Lebensende. Einige mehr, andere weniger offensichtlich.

Ich möchte nicht immer wieder rechtfertigen müssen, warum ich manche Dinge einfach nicht mehr kann. Dass ein 40-Stunden-Job niemals wieder möglich sein wird und dass auch Unterstützung im Alltag mit den Kindern immer nötig sein wird. Ich will, dass die Gesellschaft erkennt, dass es falsch ist zu erwarten, dass Menschen aus Schicksalsschlägen stärker oder weiser hervorgehen. Dass es falsch ist, zu erwarten, dass wir jemals wieder so leistungsfähig sein werden wie wir es vielleicht einmal waren.

Es ist so unfair, uns mit ausgestandener Krebstherapie so allein zu lassen als ob alles erfolgreich überstanden wäre. Ich bin krebsfrei aus der Therapie hervorgegangen, aber es liegen Jahre mit den Überbleibseln vor mir. Die Schwäche, die Erschöpfung, die Schmerzen gehen vielleicht niemals wieder weg. Sie sind unbestreitbarer Tribut für das Überleben und doch erkennt es niemand wirklich an. Es gibt keine strukturelle Hilfe für Überlebende nach dem Krebs – keine Haushaltshilfe, keine Unterstützungsbekundungen, selbst die Besuche von Freunden und Bekannten bleiben aus. Wer den Krebs überlebt ist wieder auf sich allein gestellt.

Es ist dieses eine Paradoxon, das bleibt: Wie kann jemand so lebendig sein und gleichzeitig so krank?

Unterstütze Eine fixe Idee

Falls dir der Beitrag gefallen hat, gib gern etwas zurück. Blogging im Allgemeinen und feministische Arbeit im Besonderen kostet eine Menge Zeit – und manchmal ein bisschen Geld. 😉 Auch Beiträge wie dieser sind Arbeit, weil sie anhand eigener Erfahrungen neoliberale Strukturen in unserer Gesellschaft zum Wohle aller dekonstruieren. Unterstütze doch meine Arbeit entweder mit einem Kaffee über PayPal oder supporte mich auf Steady – ich werde dir ewig dankbar sein!

1 thought on “Erschöpftes Leben

  1. Ich kann dich sooo gut verstehen… keine Chemo, da keine Metastasen in der Lymphe, aber durch den Hautkrebs am Fuß 2 dicke Narben Knöchel und Leiste… keine Unterstützung, keine Hilfe… zudem alleinerziehend mit noch 3 kids, der Große ist schon ausgezogen… müde und erschöpft… auch gute Tage, zu selten…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.