Das kannst du tun, wenn deine beste Freundin sich trennt

Bis dass der Tod euch scheide – oder eben auch nicht. 2018 betrug die Scheidungsquote 32,94%. Oder auch: Jede dritte Ehe wird geschieden. Doch nicht nur auf dem Papier tun sich Menschen zusammen und gehen dann wieder getrennte Wege. Auch ohne Trauschein kommt bei manchen nach einem langen Hoch der tiefe Fall. Sind Kinder im Spiel, ist das mit der Trennung allerdings nicht ganz so einfach. Statt Möbel auseinander zu dividieren und sich über den Verbleib in der gemeinsamen Wohnung zu streiten, gilt es nun Sorgerecht und Umgangsregelungen festzulegen.

Eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann: Im Jahr 2018 waren unter den Alleinerziehenden in Deutschland 2,17 Millionen Frauen. Nur circa 407.000 Alleinerziehende waren Männer. Auch im Jahr 2020 ist es also nach wie vor so, dass im Fall einer Trennung Kinder Frauensache sind. Per se nichts Schlechtes. Aber unsere strukturellen Bedingungen machen aus dieser Tatsache einen Nachteil. Denn es bedeutet nicht nur, dass alleinerziehende Frauen zumeist mit der Care-Arbeit völlig allein(gelassen) sind. Sondern für sie bedeutet das Leben nach der Trennung zumeist eines in Armut oder mit akuter Armutsgefährdung.

Für mich als verheiratete Frau in einer stabilen Beziehung ist es schwer vorstellbar, mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen Alleinerziehende konfrontiert sind. Entsprechend schwierig finde ich es, zu wissen, was ich tun kann, wenn eine meiner Freundinnen durch eine Trennung geht. Deshalb habe ich mir kompetente Hilfe ins Boot geholt: MIA, die Mütterinitiative für Alleinerziehende, hat mir ein umfassendes Interview gegeben.

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Die gefährlichste Zeit für Gewaltopfer: Die Zeit nach der Trennung

Nehmen wir an, meine beste Freundin hat Kinder und die Ehe geht auseinander. Was kann ich konkret tun, um sie zu unterstützen?

MIA: Mach dir zuerst bewusst, dass für deine Freundin eine Zeit zahlreicher Unsicherheiten und Fragen anbricht: Sie muss zusätzlich zu ihrem bisherigen Alltag plötzlich zig weitere Dinge regeln und organisieren, muss Entscheidungen von enormer Tragweite treffen. Es ist nicht nur die emotionale Belastung: Ihr wird durch die Trennung mit Kindern meist auch ein Teil ihrer ökonomischen Existenz unter den Füßen weggezogen. Unterstütze sie deshalb nicht nur mental, sondern nimm ihr konkrete Dinge ab. Frage konkret: Was kann ich Dir gerade abnehmen? Worum kann ich mich kümmern? Und sei es, dass du immer wieder ihre Kinder hütest, damit sie den Kopf frei hat, Termine beim Scheidungsanwalt, in Beratungsstellen etc. wahrzunehmen.

Sollte Gewalt im Spiel sein, ist besonders viel Fingerspitzengefühl gefragt, nicht nur deiner Freundin, sondern auch dem gesamten Umfeld gegenüber. Denn die statistisch gefährlichste Zeit im Leben einer Frau ist die ab einer Trennung bzw. der Äußerung dieses Vorhabens. In dieser Phase geschehen die meisten Femizide. Unterstütze sie mental, bestärke sie, hilf ihr bei der Vorbereitung und Organisation von neuen Strukturen. Du kannst dich auch als Freundin an z.B. das Hilfetelefon oder entsprechende Beratungsstellen wenden.

Unser bestehendes System bestraft Mutterschaft

Welche Rolle für die Situation als Alleinerziehende spielt die Familienorganisation vor der Trennung?

MIA: Eine zentrale. Die gewählte Organisation der Carearbeit stellt die Weichen dafür, wie armutsgefährdet die Mutter bis ins Alter hinein ist. Diese hängt direkt mit der gewählten Aufteilung der Carearbeit und beruflichen Auszeiten oder Teilzeitphasen zusammen. In unserer Broschüre für Mom2bes haben wir zahlreiche Informationen dazu und zur rechtlichen Lage zusammengetragen.

Wenn Eltern sich nicht von Beginn an Elternzeit und Teilzeitphasen hälftig aufteilen möchten oder können, bedeutet das deutliche finanzielle Einbußen für die Frau – nicht nur in der Rente (dafür gibt es zumindest in den ersten drei Jahren immerhin Rentenpunkte), sondern auch hinsichtlich der künftigen Gehaltsentwicklung. Unser bestehendes System bestraft Mutterschaft – die Wissenschaft kennt dafür den Begriff Child penalties  – sowie zu Hause geleistete Carearbeit immer noch finanziell. Mutterschaft verweigert sich jeglicher kapitalistischen Logik. Weil sie nicht monetarisierbar ist, wird sie abgewertet. Häusliche Carearbeit ist zwar in Teilen kapitalistisch verwertbar, nämlich dann, wenn sie an andere – wiederum Frauen – ausgelagert wird: an die Kita-Erzieherin, die Nanny, die Putzfrau. Care Chain heißt das dann, und diese Kette legt sich um den gesamten Globus. Die Folge ist jedoch nur eine Verschiebung der weiblichen Armut auf andere, noch stärker benachteiligte Frauen.

Mütterarmut ist eine während der Beziehung erschaffene Tatsache, die die meisten erst wirklich realisieren, wenn sie ihre Rentenschätzung lesen – oder sich mit Trennungsgedanken befassen. Aber dann ist es oft zu spät: die Armutsfalle ist für viele bereits zugeschnappt, die berufliche Entwicklung konnte sie nicht wie der Mann vorantreiben. Das rächt sich in magerem Einkommen.

Gesellschaft und Politik privatisieren bisher die Lösung für diese strukturellen Probleme. Sie schieben den einzelnen Elternpaaren die Verantwortung für die Lösung zu, z.B. private Altersvorsorge, aber auch die Lösung der Vereinbarkeitslüge, in der sich Eltern – um ehrlich zu sein: allermeist Mütter – zerreißen.

Bild: MIA

Wirklich sichtbar wird das Dilemma in seiner Gesamtheit jedoch erst, wenn eine Mutter alleinerziehend ist oder wird. Denn dann steckt sie in einem Spannungsfeld zwischen Burnout und Armut fest: weniger arbeiten den Kindern und der eigenen Gesundheit zuliebe? Dann lebe mit deiner Armut. Vollzeit arbeiten, damit die Armut nicht zu schlimm ist und die Besorgung der neuen Winterschuhe für die Kids dir keine schlaflosen Nächte bereitet? Dann sieh zu, wie du all deine unbezahlten Aufgaben zeitlich unterbekommst. Erholungsphasen? Selten bis inexistent. Ein sich um die Kinder ebenfalls kümmernder Kindsvater löst vielleicht den Care Gap etwas, aber nicht das Finanzproblem: Die Bestandskosten laufen nahezu unverändert weiter, egal, ob die Kids nun 5 oder 7 Tage pro Woche bei der Mutter leben.

Was würdest du ändern, wenn deine Familie in sechs Monaten zerbricht?

Wie kann ich mir als verheiratete Frau am besten begreifbar machen, mit welchen strukturellen Schwierigkeiten Alleinerziehende konfrontiert sind?

MIA: Stelle Dir einfach folgende Frage: Was würdest du jetzt in deinem Leben ändern, wenn du wüsstest, dass deine Familie in sechs Monaten zerbricht? Was würde das – abgesehen von der emotionalen Belastung – ganz konkret für dich und deine Kinder existenziell und hinsichtlich der Alltags-Organisation bedeuten? Ja, diese Vorstellung tut weh. Aber genau an diesen Schmerz müssen wir ran, denn der ist symptomatisch.

Er wird verursacht von immer noch deutlicher Diskriminierung von Müttern durch patriarchale, frauenfeindliche Strukturen. Sie führen dazu, dass Mütter in Paarbeziehungen bis heute von ihren Partnern existenziell abhängig sind, teils in unglücklichen, gar gewalttätigen Beziehungen verharren, weil sie in den Abgrund der Trennungsarmut blicken. Angesichts der Scheidungsquote von rund 50 Prozent in Großstädten ist es nur ein Münzwurf – Kopf oder Zahl – , ob du als Mutter mit deinen Kindern in die Trennungsarmut rutschst. Eine paritätische Aufteilung mit dem Partner von Care- und Erwerbsarbeit von Geburt des Kindes an kann das zumindest teilweise mit Blick auf das eigene berufliche Standing auffangen, eine echte Lösung ist das jedoch nicht und schon gar nicht in wenig karriereorientierten Berufsfeldern. Die Unvereinbarkeit bleibt bestehen.

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Alleinerziehende sind dreifach diskriminiert

Verschiedene Statistiken belegen: Alleinerziehende sind von Armut besonders betroffen. Woran liegt es denn, dass Alleinerziehende wirtschaftlich so schwer auf die Beine kommen?

MIA: Alleinerziehende sind dreifach diskriminiert: Zum einen, weil sie Frauen sind, Stichwort Arbeitsmarkt, gläserne Decke, schlechte Bezahlung in „typischen Frauenberufen“ etc. Zum anderen, weil sie Mutter sind: Carearbeit wird bis heute als Privatvergnügen abgetan, die Armut, die für Mütter dadurch entsteht, ebenfalls. Wenn eine Mutter auch noch auf die irrwitzige, selbstbestimmte Idee kommt, sich von dem Vater ihrer Kinder zu trennen, bekommt sie ein ganzes Paket an struktureller und gesellschaftlicher Diskriminierung zu spüren. Sie steht oft beruflich in einer Sackgasse, wenn sie vor der Trennung zugunsten der Kinder und Care beruflich zurückgesteckt hat: Teilzeitfalle. Das magere Einkommen deckt vielleicht gerade einmal den eigenen Bedarf, aber nicht den der Kinder.

Der Ehegattenunterhalt wurde bereits 2008 abgeschafft, ohne jedoch die notwendigen Rahmenbedingungen bereitzustellen, damit Frauen sich und ihre Kinder tatsächlich einfach selbst ernähren können. Und über die Zahlungsmoral kindesunterhaltspflichtiger Elternteile geben die Statistiken kein gutes Zeugnis: 75% zahlen entweder gar keinen (50%) oder zu wenig/unregelmäßig den dem Kind zustehenden Unterhalt.

Christine Finke hat die Ursachen für die Stigmatisierung in ihrem Text Alleinerziehende und Stigma sehr gut zusammengetragen. Er veranschaulicht, warum unsere Gesellschaft Mütter immer noch abwertet und ausgrenzt, sobald sie „aus der Reihe tanzen“.

Das bestehende System grenzt aus, indem es an die weibliche, ökonomische Existenz geht und Teilhabe wie Gestaltungsspielräume für Mütter über gesetzte Strukturen erschwert: u.a. Steuerpolitik, Rentenpolitik, Vereinbarkeitslüge (Vollzeit vs. Carearbeit).

Würde unsere Gesellschaft gemäß den je nach Lebensphase wechselnden Bedürfnissen von Frauen und Müttern (und deren Kindern) anstatt nach männlichen Normen gestaltet – sie sähe wohl gänzlich anders aus. Mütterarmut (und damit Kinderarmut) würde ganz sicher nicht existieren.

Drei Tipps für Frauen VOR der Familiengründung

Welche drei Tipps gebt ihr MIAs Frauen mit, die sich perspektivisch oder konkret mit der Familiengründung beschäftigen?

  1. Mach Dir bewusst, dass wir im Patriarchat leben, also nicht in einer Männer-, sondern Väterherrschaft. Eine Familie zu gründen ist für die allermeisten etwas positives, romantisches, vervollständigendes. Gerade als Frau musst du dich aber viel mehr als ein Mann mit den jahrzehntelangen Folgen dieser Entscheidung auseinandersetzen, und zwar am besten bereits, bevor du überhaupt schwanger bist. Denn nach der 12. Woche steht deine potentielle Armut und womöglich Abhängigkeit vom Partner im Lebensbuch. Überlege dir deshalb vorher bereits und konkret, wie du die ersten Familienjahre gestalten möchtest und wie du mit deinem Partner Familie leben willst. Eher klassisch oder Equal Care? Wie sichert ihr vor allem dein finanzielles Risiko durch die Mutterschaft ab?
  2. Setze einen Ehe- bzw. Partnerschaftsvertrag mit deinem Partner auf, in dem ihr schon vor der Familiengründung festlegt, wie ihr Elternzeit, Teilzeitphasen, Finanzen wie z.B. ergänzende private Altersvorsorge zum Abfangen des Pension Gaps regelt. Je klarer ihr euch bereits vorher darüber seid, desto weniger Streit und böses Erwachen gibt es später.
  3. Mach dich mit der Rechtslage vertraut und denke die Möglichkeit einer Trennung von Anfang an mit. Ja, ist voll unromantisch, aber hier geht es nicht um Romantik, sondern die Weichen für dein restliches Leben. Die Reformen im Familien- und Kindschaftsrecht der vergangenen zwei Jahrzehnte haben wieder dazu geführt, dass eine Mutter auch nach Trennung vom Goodwill des leiblichen Vaters ihrer Kinder abhängig ist. Wenn sich Eltern auch nach der Trennung verstehen und kooperieren, ist das kein Problem – und in den meisten Fällen klappt das auch. Schwierig wird es, wenn es eskaliert: das tut es in 10 bis 15 Prozent der Fälle. Woher willst Du jetzt schon wissen, ob ihr zu den 15 Prozent gehört? Eben. Deshalb sei dir im Klaren darüber, dass der Vater auch nach Trennung über das Leben deiner Kinder und damit dein Leben weiterhin mitentscheiden kann: wo ihr wohnt, welchen Job du also annehmen kannst, ob du dafür mit den Kindern umziehen darfst, ob du mit den Kindern den Urlaub im Ausland verbringen darfst. Umgekehrt darf der Vater für die Kinder auch nichts gegen deinen Willen entscheiden, doch die strukturelle und ökonomische Benachteiligung von Müttern macht die Situation im Konfliktfall nicht leichter. Sei dir also sicher, dass der Mann an deiner Seite dir gegenüber verlässlich, fair und auf Augenhöhe ist. Er sollte deine Vorstellung von Familienleben und der Aufteilung von Care und den Risiken teilen.

Liebe MIAs, danke für dieses offene, teilweise schonungslose Interview!

Über MIA

MIA entstand aus der digitalen Vernetzung alleinerziehender Mütter. Ihre Ziele: die Öffentlichkeit verstärkt über die Missstände und großen Hürden ihrer Lebenssituation aufklären, der Politik wichtige Impulse geben und selbst politisch arbeiten, um die teils erschreckend prekäre Lage von alleinerziehenden Müttern und ihren Kindern zu verbessern. Dafür schlossen sie sich Ende 2017 zu MIA zusammen. Die bundesweite Initiative umfasst rund 2.000 betroffene Mütter in verschiedenen assoziierten Gruppen; ihre Bundesgeschäftsstelle hat sie in Berlin. Seit 2020 ist MIA Mitglied im bundesweiten Bündnis Istanbul-Konvention. Die Website von MIA ist unter www.die-mias.de zu finden.

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